Baugeschichte : Aus dem Lot geraten

Bauskandal vor 300 Jahren: Schlüter verlor den Job, weil er sich bei einem Turm verkalkulierte.

Helmut Caspar

Ein kurioses Kapitel der Berliner Baugeschichte feiert in diesem Sommer sein 300-jähriges Jubiläum. Am 25. Juni 1706 wurde ein Bauwerk abgerissen, mit dem König Friedrich I. nichts geringeres wollte, als die Welt zu beeindrucken: Das zum prächtigen barocken Palast verwandelte ehemalige Renaissance-Schloss Unter den Linden sollte einen großen, weit sichtbaren Glockenturm erhalten. Doch das Projekt ging – im wahrsten Sinne des Wortes – schief, und Schlossbaumeister Andreas Schlüter, der eigentlich Bildhauer war, fiel in königliche Ungnade.

Offensichtlich überstieg das, was der bauwütige König von ihm verlangte, seine Fähigkeiten: Er sollte einen hohen schlanken Turm an der nordwestlichen Ecke des Schlosses „zum Schmucke der Stadt und zu öffentlichem Nutzen“ errichten. Da an dieser Stelle früher einmal ein anderer Turm stand, in dem eine Münzwerkstatt untergebracht war, sollte der Neubau ebenfalls Münzturm heißen. Mit 130 Metern sollte er das höchste Bauwerk Europas werden.

Als Schlüters Münzturm bis zur Höhe von 40 Metern errichtet war, zeigten sich jedoch gefährliche Risse. Schlüter ließ seitliche Verstärkungen anbringen, um die Lasten abzufangen. Diese Anbauten sollten einen reichen Skulpturenschmuck bekommen. Der Baumeister wollte damit kaschieren, dass sie eigentlich nur Hilfskonstruktionen waren, um den Turm in der Senkrechten zu halten.

Doch das Problem verschärfte sich auf dramatische Weise weiter: Der an seiner Basis verstärkte Münzturm wuchs langsam weiter – und als er 60 Meter und damit nicht einmal die Hälfte seiner geplanten Höhe erreicht hatte, war kein Halten mehr. Während der in den Niederlanden weilende König noch einen optimistisch klingenden Bericht seines Chefarchitekten las, neigte sich der Bau gefährlich zur Seite. Panisch ordnete Schlüter in der Nacht zum 25. Juni 1706 den Abbruch an. Jetzt war klar, dass das ehrgeizige Projekt gescheitert war.

Der König war entsetzt und berief eine Untersuchungskommission ein. Schlüters Einwand, dass die Planungen gut, das Erdreich aber instabil sei, wurden vom Tisch gewischt. Vorschläge des Unglücklichen, das Bauwerk noch in der Abrissphase durch neue Verstärkungen und Anbauten zu retten, hatten keinen Erfolg. Wutschnaubend entband der König Schlüter von seinen Pflichten als Schlossbaumeister, beschäftigte ihn jedoch weiter als Hofbildhauer. „Es hat mein Unglück bei diesem meinem Vornehmen auf mich gelauert, indem bey meiner fleißigen und mühsamen Arbeit wider aller mein Vermuthen bey dem Thurm ein Eckpfeiler zu sinken sich angefangen“, versuchte sich Schlüter zu entschuldigen.

Der König hatte genug und befahl, das „übel geratene Bauwerk“ schleunigst zu beseitigen. Bei seiner Rückkehr aus den Niederlanden wolle er nichts mehr davon sehen. Dennoch gab Friedrich I. seine Vision nicht auf und beauftragte Schlüters Nachfolger und Kontrahenten Eosander von Göthe, der Stadt die ersehnte Höhendominante zu schenken. Der Plan wurde nicht verwirklicht, weil es an Mut und Geld fehlte.

Schon seit längerer Zeit suchen Berliner Archäologen die Fundamente des Münzturms, die im Erdreich vor dem Palast der Republik vermutet werden. Sollte man sie finden, werden sie freigelegt und als Zeugnis barocker Baukunst und als Erinnerung an den vom Pech verfolgten Andreas Schlüter der Öffentlichkeit präsentiert.

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