Berliner Schlossherren : Wer das Stadtschloss wirklich baut

Wer sind die Menschen, von denen das Jahrhundertprojekt Stadtschloss abhängt? Seit einem Jahr sind sie schon im Einsatz. Hier stellen wir sie vor.

Ralf Schönball
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Schloss-Bauherr: Manfred Rettig, Vorstand der Stiftung Berliner Schloss - Humboldtforum.Foto: Mike Wolff

Für keinen Bauplatz wurde so viel entworfen. Über kein Bauvorhaben so viel gestritten. Am Ende musste das Oberlandesgericht Düsseldorf entscheiden. Jetzt darf das Schloss gebaut werden. Wenn alles gut geht, dann steht das Replikat des Hohenzollernbaus in sieben Jahren. Und es werden „nur“ 550 Millionen Euro in den Stahlbetonbau mit den drei historisierende Fassaden geflossen sein. Wenn es schlecht läuft, wird es sehr viele mehr. Weil der Bauherr zu viel, zu oft korrigiert. Oder weil sich die Architekten und Ingenieure verrechnen.

Aber wer sind eigentlich die Menschen, von denen das Jahrhundertprojekt abhängt bei der Schlossstiftung und im Planerhaus? Seit einem Jahr sind sie schon im Einsatz. Kaum einer kennt sie. Dabei sind sie es, die die Wünsche der Politiker und die Visionen von Franco Stella mit der Welt der Wirtschaft und der Schwerkraft versöhnen – und sie mit Hilfe von Geologie, Statik, Brandschutz, Klimatechnik und Baulogistik bändigen.

Hier also entsteht das Schloss: Hinter einer biederen Lochfassade an der Gertraudenstraße, die sich allenfalls durch den roten Sandstein vom Einerlei der Berliner Investorenarchitektur abhebt. Der Deutsche Braunkohle-Industrie-Verein hat hier Büroräume und der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft. Für die „Wiedererrichtung des Berliner Schlosses“, wie es auf dem Türschild heißt, mietete das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) zwei Geschosse mit langen weißen Fluren, an denen die „Einzel- oder Doppelzellen“ der Mitarbeiter liegen und die Besprechungsräume.

In einem davon sitzt Volker Grübener. Er ist schlank, hat sehr kurzes blondes Haar und eine Brille, deren dunkler Rahmen wirkt, als habe er ihn passend zum dunklen Cordsakko gewählt. Grübener ist nur einer der vielen Referatsleiter beim BBR. Aber er ist der „Gesamtprojektleiter Humboldt-Forum“ und steuert das Heer von 60 Architekten und Ingenieuren, die das Schloss planen und bauen. Chefallüren gehen Grübener ab. Er spricht ruhig und besonnen, auch etwas förmlich, so wie ein Beamter eben.

„Das Büro wurde wegen der Nähe zur Baustelle ausgewählt“, sagt er wie zur Entschuldigung. Von Grübeners Büro blickt man auf die frei gelegten Fundamente der Petrikirche. Und auf das frühere Bauministerium der DDR. Das ist ein schäbiger, verlassener Plattenbau, aber der wird ja abgerissen und der Petriplatz neu gestaltet, damit auch dieser Rand der Fischerinsel zu sich selbst findet. Hier liegt schließlich die Wiege der mittelalterlichen Doppelstadt Berlin-„Cölln“, aus der die Millionenmetropole entstand.

Aber man muss tief graben, um auf dessen Spuren zu stoßen. Noch ist im Herzen der Stadt eine Leerstelle. Doch bald entstehen hier einige der größten und für Berlins Geschichte wichtigste Baustellen: Petriplatz, Bauakademie, Einheitsdenkmal – und das Schloss. Und es darf wohl ein Glücksfall genannt werden, dass Regula Lüscher ein Konzept für den Umgang mit der Historie im Gepäck hatte, als sie von Zürich nach Berlin kam: „Architektonische Fenster“, schlägt die Senatsbaudirektorin vor, werden Einblicke in die Baugeschichte geben, im Schloss auf die freigelegten Fundamente der 1950/51 gesprengten Ruine etwa. Von dort könnte eine architektonische Promenade durch die „Altstadt“ führen.Wenn das Schloss steht, wäre Berlin nicht nur um einen Solitär reicher, sondern auch um mehrere historische Schaustellen: in Szene gesetzte Spuren.

Der Preis für deren Erhaltung, unken Experten, werde das 550 Millionen Euro große Schloss-Budget sprengen. Grübener kontert: „Die Kosten, die kommuniziert wurden, sind verbindlich“. Die Termine für die Fertigstellung des Schlosses auch. Gelassen sagt das der verbindliche Mann – kann man bei einem solchen Druck wirklich gut schlafen? „Es ist nicht das erste große Bauprojekt des Bundesamtes und nicht das größte“ sagt er. Grübener selbst begleitete die Erweiterung des Deutschen Historischen Museums nach Plänen von IM Pei. Und die 60 Männer und Frauen, die er ausgewählt hat, sind Profis aus besten Büros des Landes.

Ingenieur Franz Stieglmeier zum Beispiel. Er bespricht mit Kollege Christian Henschkel, wie die Fassade aus Sandstein an den Stahlbeton fixiert wird. Das ganze „neue Berlin“ ist ja eigentlich Kulisse: dünne Steinkleider, die Skeletten aus Stahlbeton und einer Haut aus Dämmstoff angelegt wurden. Gemauert werden heute allenfalls Eigenheime im Grünen. „Die Schlossfassade wird keine Steintapete“, sagt Stieglmeier. Die Wände sind 1,20 Meter dick, zwei Drittel davon Stein. Auf den Plänen sind die massiven Quader gut zu erkennen, auch Plastiken sind eingezeichnet. Entschieden ist noch nichts, die Planer rechnen Varianten durch: Fassaden aus mehreren Schichten, „mehrschalig“ sagen sie dazu oder auch „monolytische“ massive Fassaden.

Die Büros der Geologen sind verschlossen. „Die sind meistens auf der Baustelle“, sagt Grübener. Dort nehmen sie Bodenproben, um die Beschaffenheit des Baugrundes zu prüfen. Mit diesen Daten können die Statiker später Zahl, Umfang und Steifigkeit von Pfeilern und Streben berechnen, die das Schloss tragen. Zwei Männer und eine Frau, ganz in Schwarz gekleidet, gehen vorbei, grüßen – Architekten auf dem Weg zum Besprechungsraum. Auf dem Weg zu Franco Stella?

Der Baumeister des Schlosses arbeitet eine Etage höher. Besuche und Interviews lehnt er seit dem Streit um die Rechtmäßigkeit der Auftragsvergabe ab. Der Weg zu seinem Büro führt durch einen Konferenzraum. Ein Dutzend Planer – sie kommen aus Dresden, Rostock, Hamburg – koordinieren mit dem Projektleiter Ablauf und Termine der Bauarbeiten. Eine Großbaustelle ist wie ein Uhrwerk, jedes Rädchen muss präzise in das andere greifen, damit es überhaupt läuft. Ob das Werk auch pünktlich ist, ist damit noch lange nicht entschieden.

Der innerste Kern des Planungshauses ist erreicht, ein Großraum, in dem Computertische in Reihen angeordnet sind. Sieben Planer sitzen vor Bildschirmen und arbeiten an Details des Schlosses. Fassaden und Kolonnaden, das Spiel von Licht und Schatten, Proportionen, werden hier entwickelt und errechnet. Einer blättert in einem bunten Buch zur Baugeschichte. Der Siegerentwurf des Wettbewerbs, den der venetianische Hochschullehrer entwarf, gibt das Ziel vor: historisierend eben. Der Weg dahin, wird noch gesucht, hier, von den Planern der Architekturfabrik Hilmer Sattler und Albrecht. „Herr Stella ist weg, aber er kommt wieder, später, ganz sicher“, sagt einer.

Im anderen Zentrum Berlins, nicht weit von der Gedächtniskirche, sitzt die Schlüsselfigur des Schlossprojektes: Bauherr Manfred Rettig. Genau genommen, ist natürlich nicht er der Bauherr. Es ist die Bundesrepublik Deutschland. Vertreten durch das Parlament, vertreten durch die Regierung, vertreten durch die Stiftung, vertreten durch deren Vorstand – und das ist Rettig. Er setzt gleichsam den Willen des Volkes um, der irgendwo in der Schnittmenge der Meinungen im Stiftungsrat vermutet wird: Im Rat sitzen Bundestagsabgeordnete wie Wolfgang Thierse (SPD), Regierungsmitglieder wie Hans-Joachim Otto (FDP), Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz, Hermann Parzinger von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Landeszentralbibliothek-Chefin Claudia Lux und HU–Präsident Christoph Markschies, die ja die Räume im Schloss nutzen werden.

Wie fühlt sich einer, der vom guten Willen eines Dutzend der einflussreichsten und meinungsstärksten Persönlichkeiten Deutschlands abhängig ist – und eines der ersten Bauernopfern sein wird, wenn die Jahrhundertbaustelle zu spät oder zu teuer fertig wird? „Gut – das bin ich gewohnt“, sagt Rettig. Der Aufsichtsrat der Bundesbaugesellschaft, dessen Chef er war, sei ähnlich besetzt gewesen. Dem Ältestenrat des Bundestages habe er Rede und Antwort stehen müssen. Nur habe er damals „mehrere Projekte gehabt – und jetzt nur noch eins“.

Früher, das waren die 90er Jahre, als er mit Klaus Töpfer den Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin organisierte. Nun also das Schloss. Und auch dieses Projekt werde ähnlich wie der Umzug von Vielen angefeindet – in Berlin, aber auch bundesweit spaltet das Bauwerk die Meinungen. Rettig ficht es nicht an, er nennt das Schloss „Zukunftsprojekt“, spricht von einem „Meilenstein“, von einer Referenz, mit der sich Deutschland als „Bildungsnation“ in Europa etablieren könne. Das Schloss sei einer der Bausteine, mit denen der „Hipe“ um Berlin zementiert werde – damit sich die Stadt dauerhaft in der selben Liga wie London oder Paris etablieren könne.

Liegt die Zukunft wirklich hinter drei romantischen Fassaden eines Barock-Mimikrys? „Das Schloss knüpft an die Baugeschichte an, ohne sie zu negieren, aber es transformiert sie auch“, sagt Rettig. Eine bauliche, vor allem aber eine inhaltliche Transformation: Eine internationale Begegnungsstätte könne da entstehen, dem „Miteinander der Kulturen“ gewidmet. In der Agora könnten multikulturelle Feste gefeiert werden, ähnlich wie in Paris auf dem Platz der Großsiedlung „La Défense“. Und mit Ausstellungen könne das Schloss, ähnlich wie das Museum am „Quai Branly“, das ethnisch Fremde, das „Andere“ heimisch machen. So wie es in den Straßen von Berlin selbstverständlich ist, wenn man wie Rettig in Kreuzberg lebt, in der Mariannenstraße: Wo der türkische Friseur morgens grüßt und Menschen aus verschiedenen Kreisen und Kulturen friedlich zusammenleben.

Auf diese Vielfalt und Offenheit ziele das Schloss-Projekt, das dann zusammen mit der Museumsinsel auch zu einem Wirtschaftsfaktor für die Stadt werde: „Es gibt eine Szene, die weltweit auf Wanderschaft von Kulturbau zu Kulturbau ist, und ihr Jahresprogramm nach den darin stattfindenden Veranstaltungen zusammenstellt“, sagt der Stiftungschef. Deren Mitglieder kämen an Berlin nicht mehr vorbei – wenn das Schloss erst steht.

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