Der Stadtschloss-Architekt : Franco Stella: "Ich bin nicht totalitär"

Ein Treffen in Etappen mit Franco Stella, dem Gewinner des Berliner Schlosswettbewerbs.

Jens Mühling
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Franco Stella trifft den Tagesspiegel im Hotel Savoy.Foto: Thilo Rückeis

Ratlose Leere, so weit das Auge reicht. Besonders weit reicht es nicht an diesem vernieselten Nachmittag. Düster drückt der Dezemberhimmel auf den Schlossplatz, ein Abrissbagger zernagt die letzten Betonplatten des Palasts der Republik, und das entfesselte Nichts, das sich plötzlich auftut in Berlins Mitte, verursacht Schwindelgefühle.

Vor dem implantierten Schlossportal des Staatsratsgebäudes – einziger sichtbarer Anhaltspunkt bislang für das, was da kommen soll – hält ein schwarzer Mercedes. Auf dem Beifahrersitz Franco Stella, der umrätselte Architekt aus Italien. Überraschend hat er, dessen Name bis vor zwei Wochen in Berlin nur Kennern etwas sagte, den Wettbewerb um den Neubau des Stadtschlosses mit den barocken Fassaden gewonnen. Im benachbarten Kronprinzenpalais ist sein siegreicher Entwurf derzeit zu begutachten.

Der Rundgang über den Bauplatz, telefonisch verabredet, könnte jetzt beginnen. Bloß steigt Franco Stella nicht aus. Er öffnet auch die Tür nicht, sondern kurbelt bloß das Fenster herunter und beginnt zu reden, in fließendem Deutsch mit italienischen Zungenschlag. Klingtä sähr scharmantä – auch wenn es eine Weile dauert, bis Stellas Anliegen durchgedrungen ist: Die Kamera macht ihm Angst, er will sich nicht fotografieren lassen, nicht hier, im Zentrum dieser Leere, die zu füllen ihm doch formal noch gar nicht angetragen worden sei.

Es scheint, als könne da einer selbst noch nicht ganz fassen, dass er bald eines der wichtigsten – und umstrittensten – deutschen Bauprojekte seit dem Mauerfall dirigieren könnte.

Stella drängt auf ein Gespräch im Café, lässt das Einstein unter den Linden ansteuern, entscheidet sich dann doch anders, will ins Hotel, zu den Entwürfen, da könne man alles besser erklären. Ein Fahrzeugwechsel muss jetzt organisiert werden, und beim Warten vor dem Einstein läuft der telefonierende Stella dann auch noch um ein Haar dem zufällig vorbeischlendernden Udo Lindenberg in die Arme. Begegnung zweier Paniker. Sie erkennen sich nicht.

Stellas Entwurf, von den einen hoch gelobt als elegante Umsetzung der Wettbewerbsvorgaben (siehe Tagesspiegel vom 29. 11.), von anderen als „desaströs“ abgeurteilt, als „Gefühlskühlschrank“, als „totalitär“ („Die Zeit“ vom 4. 12.), liegt eine halbe Stunde später endlich ausgebreitet auf dem Restauranttisch eines Charlottenburger Hotels. Doch noch bevor ein Gespräch beginnen könnte, stürzt sich Stella, motiviert wohl durch die Skepsis, die seiner Vision mancherorts entgegenschlug, in eine Verteidigungsrede ohne Punkt und Komma. Schon bei seiner ersten Berlin-Reise, die er Anfang der siebziger Jahre zu Studienzwecken unternahm, habe er sich nicht anfreunden können mit jenen rigorosen Stilkritikern, die Architektur in demokratische und totalitäre Formensprachen zerfallen sahen. Das Scharoun-Wort, wonach drei Säulen nicht mehr in einer Reihe stehen sollten, weil man da schon die Soldaten marschieren höre, sei ihm stets unverständlich geblieben – lieber halte er sich an Mies van der Rohe und dessen Postulat, die Architektur könne nicht jeden Montag neu erfunden werden.

Über Mies van der Rohe zieht Stella eine Linie zu Oswald Mathias Ungers und Aldo Rossi – Heroen einer klassisch verfassten Formensprache, der auch er sich verbunden fühle. Entscheidend für die Bewertung von Architektur, sagt Stella, könne doch nicht Ideologie sein, sondern immer nur Ästhetik und Nutzqualität – schließlich gelte auch in der wiedervereinigten Bundesrepublik das Gebäudeensemble der Berliner „Stalinallee“ als erhaltungswürdig, während man Probleme nur mit den Marzahner Plattenbausiedlungen habe. „Meine Haltung ist demokratisch“, beteuert Stella. Mehrfach. Und fügt beschwörend hinzu, dass Demokratie keine Stilfrage sei.

Wiederholt versichert der 65-Jährige, der seit 1990 eine Professor für Architektur und Urbanistik der Universität Genua innehat, er wolle „keine Vorlesungen halten“ – und tut es dann doch. Viel Zeit vergeht, bevor er sich in seinem defensiven Monolog bremsen und zu praktischeren Fragen überleiten lässt. Zum Beispiel das Architekturbüro betreffend, das Stella in der Nähe seines Geburtsorts Thiene im venetischen Palladio-Städtchen Vicenza unterhält. Die ganz großen Bauprojekte waren es nicht, die Stella von hier aus bislang umsetzte: Schulen, Wohnhäuser, darunter ein Projekt in Potsdam, die Erweiterung eines Messebaus in Padua.

Die Mitarbeiterzahl in Vicenza schwanke, sagt Stella, mal seien es fünf Leute, mal acht, aber um diese Zahlen solle man doch bitte nicht zu viel Aufhebens machen. Natürlich werde er, sollte ihm der Bauauftrag für das Schloss erteilt werden, ein Büro in Berlin einrichten. „Das Büro in Vicenza war so groß, wie es die Aufgaben des Wettbewerbs erforderten. Das Büro in Berlin wird so groß sein, wie es die Aufgaben des Baus erfordern.“

Ob er überrascht gewesen sei, dass man in Berlin den Entwurf eines wenig bekannten Italieners gekürt habe? Stella zögert, schweigt, zum ersten Mal in diesem Gespräch. Waren Sie überrascht, Herr Stella? Wenigstens freudig?
Schweigen.

Herr Stella – haben Sie sich gefreut?

„Oh ja, aber selbstverständlich, ich bitte Sie, ich bitte Sie!“

Stella schüttelt sein Zögern ab, der Redefluss setzt wieder ein. Keineswegs sei er in Berlin ein Unbekannter, bei wichtigen Wettbewerben sei er in die engere Wahl gelangt, an den Ausschreibungen zum Bundeskanzleramt und zum Auswärtigen Amt hat er teilgenommen, beim Wettbewerb um die Gestaltung der Spreeinsel saß er in der Jury. Schon aus dieser Phase sei ihm auch die Debatte um die Rekonstruktion des Stadtschlosses bestens vertraut. Deutsch habe er gelernt, weil Berlin seine Wahlstadt als Architekt geworden sei, er habe an der Spree mehr Wettbewerbe bestritten als in Italien, wo ihm im Bauen zu oft „Mutlosigkeit“ herrsche.

Auch seinen Studenten, sagt Franco Stella schließlich, vermittele er immer wieder eines: dass in Berlin, wie in kaum einer anderen Stadt, „das Denken zu Stein geworden“ sei.

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