Deutsche Schlösser : Marmor, Stein und Stahlbeton

Wir erleben derzeit die dritte Rekonstruktionswelle. Höhepunkt: Das Berliner Stadtschloss. Was hat es mit der Sehnsucht nach Substanz auf sich? Warum in Deutschland wieder Schlösser gebaut werden.

Christiane Peitz
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Die Alte Kommandantur in Berlin - mit Stahlbeton hinter den weißen Putzquadern -Foto: ddp

Sehnsucht nach Geschichte? Ohne Renaissancen und Klassizismen ist die Bau- und Kunstgeschichte undenkbar, und beim aktuellen deutschen Retroboom handelt es sich mindestens um die dritte Rekonstruktionswelle seit 1945. Die erste, nach Kriegsende, sorgte für schnelle Wiederbewohnbarkeit der Städte, ließ aber Verletzungen sichtbar. Hans Döllgasts mit Ziegelwerk gekitteter Fassadenriss in der Münchner Pinakothek oder Egon Eiermanns Turmruine der Berliner Gedächtniskirche sind prominente Beispiele.

Die zweite Welle reagierte auf die Tabula-Rasa-Ästhetik der Moderne. In den gesichts- und geschichtslosen Innenstädten mit ihrer Funktionsarchitektur vermissten die Bürger Geborgenheit, Nestwärme, Verwurzelung. Geschichte hatte Konjunktur, historische Ausstellungen sorgten für volle Museen, und die City wurde zur guten Stube umfunktioniert: Altstädte, Marktplätze und Misch nutzung auf Mittelaltergrundriss kamen wieder in Mode – wie die vor 25 Jahren wiederaufgebauten Fachwerkhäuser am Frankfurter Römerberg.

Gerade erleben wir die dritte Retrowelle, Höhepunkt: das Berliner Stadtschloss. Dabei zeichnen sich zahlreiche Rekonstruktionsvorhaben durch besondere Gründlichkeit bei der Wiederherstellung vermeintlicher Authentizität aus – und gleichzeitig durch Attrappen-Architektur. Das ist beim Potsdamer Schlossprojekt samt Wiederaufbau der Garnisonskirche nicht anders als in Frankfurt am Main. Dort will der Magistrat auf dem Areal zwischen Dom und Römer noch sieben weitere Altbau-Kopien (und 30 historisierende Neubauten) auferstehen lassen und dafür das Technische Rathaus aus den Siebzigern abreißen. Die wieder errichtete Frauenkirche in Dresden gehorchte den Regeln der „archäologischen Rekonstruktion“, bei der möglichst viele Originalsteine an ihren Originalplatz im Mauerwerk zurückkehren. Die Altstadtrekonstruktion auf dem Neumarkt soll „Dresden 1900“ nun komplettieren. Der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt spricht, Nietzsche zitierend, von „Altgier“ statt Neugier.

Die originalgetreue Kopie ohne Betonkern – der Lyriker Durs Grünbein nennt es die „Chimäre Dresden“ – ist jedoch die Ausnahme. Lieber mischt man heutzutage Alt und Neu, wobei Alt vorzugsweise außen und Neu innen stattfindet. So stammen die Kalksandsteine für die 2003 fertiggestellte Alte Kommandantur Unter den Linden aus Schlesien, von wo bereits die Originalsteine kamen. Und hinter den weißen Putzquadern verbirgt sich die schicke hauptstädtische Repräsentanz der Bertelsmann-Stiftung, mit Stahlbetonkonstruktion, Eichenholztäfelung und rückwärtiger Glasfassade. Der Zwitter vor der Schinkel’schen Bau-Akademie – noch ein Wiederaufbauprojekt am Schloss – ist umstritten. Die bisher lauteste Kritik musste Braunschweig einstecken. Das 2007 eröffnete, rekonstruierte spätklassizistische Schloss mit einem riesigen Shoppingcenter hinter Kolossalfassaden trägt den Spitznamen „größtes Vorhängeschloss der Welt“.

Haltbarkeit, Heimatgefühl, Schönheit: Es gibt viele Gründe für den Retrotrend, der sich vor allem in Architektur und Stadtplanung niederschlägt. Weder im Design macht sich Biedermeier breit, noch in der Kunst. Allenfalls lässt sich im Theater mit einer verstärkten Hinwendung zu Original- und Werktreue („Wallenstein“!) ein ähnliches Unbehagen an der Moderne ausmachen. Der Retrotrend ist also kein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Aber dass er die Architekturdebatte dominiert, hat gleichwohl gesellschaftliche Gründe.

So bezeichnet der Soziologe Armin Nassehi den Architekten als „Garant von Kontrolle, Stabilität und Permanenz in einer Welt, in der es exakt dies nicht mehr gibt“. Wir leben in unsicheren, unüberschaubaren Zeiten globaler Finanzmärkte, kosmopolitischer Verflechtungen, in Zeiten von Mobilität und Flexibilisierung. Bei so viel Bewegung braucht der Mensch einen Halt: zu Stein gewordene Zeit. Der an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Ethnologe Wolfgang Kaschuba bringt es auf den Begriff der Zugehörigkeit, der heute zentral verhandelt wird. „Ob beim Thema Migration – wer darf zu uns, wer nicht? –, beim Thema Europa – Stichwort Türkei – oder im Bereich der Religion: Es geht um Inklusion und Exklusion, um Wir-Bilder und Die-anderen-Bilder.“

Im Gespräch mit dem Tagesspiegel erinnert Kaschuba an die große Erschütterung nach dem Mauerfall. „Sicherheiten gingen verloren, was dramatische Veränderungen der Perspektiven nach sich zog. Noch in den achtziger Jahren waren wir überzeugt, dass wir die Besinnung auf nationale Herkünfte immer weniger brauchen. Wir hatten die große Tradition verabschiedet, und nach 1989 waren plötzlich wieder Bezüge zur Geschichte, zum nationalen Gedanken möglich.“ Populärster Beleg: der Deutschland-Taumel bei der Sommer-WM 2006.

Die Erinnerungskultur verschiebt sich. Trotz großer Mahnmale, 60-Jahre-Kriegsende und NS-Vergangenheitsbewältigungsboom identifiziert sich Deutschland längst nicht mehr nur als Täternation. In Büchern wie Jörg Friedrichs „Der Brand“ oder „Der Untergang der Wilhelm Gustloff“ von Günter Grass, in TV-Movies wie „Dresden“ werden auch deutsche Opfergeschichten erzählt. Das entspannt bei der Wahrnehmung der Vergangenheit. „Bis in die Achtziger“, so Kaschuba, „konnte der Raum der Geschichte nur durch die Schleuse der Erinnerung an den Nationalsozialismus betreten werden. Der Satz ,Preußen endet 1933 oder 1938‘ hat weiteres Nachdenken lange verhindert. 1950, als das Stadtschloss gesprengt wurde, hatte die Marke Preußen weder in der DDR noch im Westen ein gutes Standing.“ Aber wer heute in der Mitte Berlins eine Hohenzollernburg möchte, setzt sich nicht mehr dem Verdacht des Reaktionären oder des Monarchismus aus.

Die neue Liebe zum Schnörkel ist auch von schlechtem Gewissen grundiert. Es war ja eine regelrechte zweite Zerstörungswelle, mit der noch weit nach Kriegsende in West wie Ost Schlossruinen, Bahnhöfe und Kirchenreste gesprengt wurden. Man will wiedergutmachen, so wie es in Polen mit dem vollständigen Wiederaufbau der Warschauer Altstadt geschah. Und man will den Kuschelfaktor erhöhen, aber ohne die eigene Zeitgenossenschaft als Konsument zu leugnen. Starbucks ja, aber am liebsten hinter Sandstein.

Ein skurriler Fall ist Mainz. Am Marktplatz nördlich des Domes öffnete Anfang November das leidenschaftlich diskutierte Wohn- und Geschäftshaus des italienischen Stararchitekten Massimiliano Fuksas seine Pforten. Für die originalgetreu rekonstruierten Markthausfassaden wurden die nicht ganz so originalgetreuen Nachkriegsbauten mit ihrerseits vorgeblendeten „Babbedeckelfassaden“ von 1983 wieder abgerissen. Wie in Braunschweig wird hinter historischen Fassaden geshoppt, und die Moderne findet verschämt auf der Rückseite statt.

Große historische Architektur, Tempel und Pyramiden, romanische Dome, gotische Kathedralen, barocke Schlösser, sie überwältigen bis heute. Sie verschaffen ein Raumerlebnis, eine metaphysische Erfahrung, wie es zeitgenössischer Architektur nur selten so gelingt wie beim Centre Pompidou in Paris oder dem Guggenheim-Museum von Bilbao. Aber lässt sich die Aura eines Orts reanimieren, lässt sich eine gewachsene Altstadtstruktur per Replik wiedergewinnen? Und wenn die Sehnsucht danach so groß ist, warum ist dann so wenig Geld für die Erhaltung vorhandener historischer Substanz da?

Wolfgang Pehnt sprach in seinem fulminanten Vortrag bei der Stiftung Baukultur im Juli vom Second Life des Replikenwesens. Der „posthum produzierte Schein“ sei nur ein „blasses Abziehbild der historischen Realität“. Historisches ist niemals so makellos und spurenlos wie die wiedererrichtete Fassade, und pittoreske Fachwerkimitate sind keineswegs unverwechselbar. Die Sehnsucht nach Substanz sieht sich am Ende betrogen.

„Oberhausen und seine Gruben, die schmucken süddeutschen Orte mit ihrer Kleinindustrie“: Laut Wolfgang Kaschuba erfolgt das „Branding“ der Städte derzeit primär über Geschichte. „ In Berlin fürchtet man, dass die Zahl der unverwechselbaren architektonischen Ensembles zu gering sein könnte, um die zerrissene Stadtgeschichte zusammenzuhalten. Dem Schloss wird diese Funktion zugeschrieben: Ohne Schloss fehlt die Mitte.“

Symbolische Orte, Wahrzeichen, Repräsentation. Es muss nicht immer der Marktplatz sein oder das Schloss. Paris hat den Eiffelturm – zur Zeit seiner Entstehung war er unerhört modern. Sydney, darauf machte Wolfgang Pehnt aufmerksam, hat Jorn Utzorns kühnes Opernhaus – und was ist Berlin? Wenn die Stadt ein „Branding“ hat, dann neben der gläsernen Reichstagskuppel das des Labors. Wenn Kaschuba im Ausland ist, hört er oft:. „Berlin ist Experiment. Da sind Lücken, ist nicht alles fertig, da gibt es Geheimnisvolles, Offenes. Das ist ein Mythos, mit dem wir wuchern könnten.“

Morgen entscheidet die Jury des Schlosswettbewerbs über den Siegerentwurf für die Ausgestaltung des Humboldt-Forums mit außereuropäischen Sammlungen hinter barocken Fassaden. Die Berliner Hohenzollernresidenz ist garantiert nicht das letzte neue deutsche Schloss sein. In Hannover finanziert die Volkswagen-Stiftung gerade die Wiedererrichtung des 1943 von britischen Bomben zerstörten Welfenschlosses Herrenhausen. Ein modernes Tagungszentrum hinter historischen Fassaden entsteht. Hannover will schon 2012 eröffnen.

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