Gedankenspiele : Der Luftschlossplatz

Vor zwölf Jahren schrieb der Tagesspiegel einen Ideenwettbewerb zur Zukunft des Zentrums aus Es beteiligten sich mehr als 20 renommierte Architekten – mit den ausgefallensten Visionen

Christian van Lessen

Vier Seiten Schlossfassade, dazwischen Rummel mit Loopings und Karussells – als Ausdruck Berliner Widersprüche? So eine Lösung dürfte am Freitag, wenn der Architektenwettbewerb zum Humboldt- Forum verkündet wird, nicht prämiert werden. Aber sie gehörte zu den vielen Ideen eines Tagesspiegel-Wettbewerbs vor zwölf Jahren. Damals war die Zukunft des Schloßplatzes offen, die Frage der Architektur ungeklärt. Nun ist der Palast weg – und das Schloss kann kommen: auf drei Seiten barock, in der Mitte mit dem Humboldt-Forum gefüllt.

Die historische Fassade war bereits im Ideenwettbewerb des Tagesspiegels, zu dem mehr als 20 international bekannte Architekten ihre Visionen beisteuerten, ein heiß diskutiertes Thema. „Ein Risiko der Rekonstruktion liegt vor allem in der künstlichen Form des Erinnerns“, meinte der inzwischen verstorbene Architekt Josef Paul Kleihues. „Es stellt sich daher die Frage, ob Rekonstruktion nicht auch Vergessen machen kann, anstatt zu erinnern.“ Peter Conradi, damals Mitglied der Bundestagsbaukommission, forderte ein Nachdenken über die Nutzung und warnte vor einer „Walt-Disney-Schlosskulisse“. Architekt Hinrich Baller schwärmte vom alten Schloss als dem vielleicht hochwertigsten Gebäude, das Berlin je zustande gebracht habe. Allerdings sei es von erschreckender Größe gewesen, so nicht mehr zu bezahlen. Baller regte eine moderne Fassade an, in die aber wichtige Stücke des alten Schlosses eingebaut werden könnten. Ökologisch, gläsern, licht sollte das Ensemble sein und als Volkshaus genutzt werden, wie es der Palast der Republik als „Machtdemonstration“ nicht geschafft habe.

Stephan Braunfels, dessen Entwurf beim aktuellen Schlosswettbewerb in der Vorrunde ausgeschieden ist, hatte schon damals die Schlossfassade von Andreas Schlüter vorgeschlagen – allerdings mit einer Öffnung zum Osten hin, dem sich ein grünes „Lindenforum“ anschließt. Der aktualisierte Vorschlag wurde ihm im Wettbewerb zum Verhängnis: Die Drehung und Öffnung des Schlüter-Hofes als Neuinterpretation des Schlosses gehörte nicht zu den Vorgaben.

Das Innere des Originals könne nicht wiederaufgebaut werden, hier sei Platz für ein modernes Kulturzentrum, meinte Braunfels damals. Meinhard von Gerkan stellte sich eine aufknüpfbare Fassade vor, die je nach Geschmack und Senat verändert werden könnte: heute Schloss, morgen modern, ein Sinnbild des Wandels und der Anpassung.

Rob Krier stellte einen Entwurf vor, bei dem der Palast der Republik hinter Schlossfassaden verschwand. Nun ist der Palast verschwunden. Der Wiederaufbau des Schlosses „ist ein intellektuell, praktisch, ökonomisch und künstlerisch integeres und realistisches Vorhaben“, meinte der Architekt Léon Krier. Axel Schultes glaubte, „Schinkels Traum“ zu kennen: ein Schloss ohne „düstere Masse“. Sollte wirklich, fragte Schultes, „in unberatener Nostalgie das Unstädtische schlechthin, die Burg, die Blockade wiedererrichtet werden?“ Und Wolf-Rüdiger Borchardt schlug einen gläsernen Veranstaltungswürfel in der Mitte von drei historisierenden Seiten mit Kuppel vor und verband sie mit Resten des Palastes der Republik. Hans Kollhoff regte an, nur zum Lustgarten hin das alte Schloss wiederaufzubauen und mit dem großen Saal des Palastes der Republik zu einem Kongresszentrum zu gestalten.

Frei Otto warnte vor eiligen Entscheidungen, für die nächsten 30 Jahre solle ein Zeltpavillon genügen, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen, für das pulsierende Herz von Berlin. „Wer jetzt den Platz definitiv verplant, verbaut die Zukunft. Der Platz muss erst zum Leben gebracht werden“. Norman Foster sah den Schloßplatz als Forum für Spiel, Sport und sonstige Ereignisse. Sie gehörten unter Schirmkonstruktionen, die sich aufspannen und in die Erde einfahren ließen. Dem Schloßplatz sei kein festes Haus zuzumuten, meinte Foster. Hilde Léon und ihr inzwischen verstorbener Partner Konrad Wohlhage hatten im Wettbewerb des Tagesspiegels inmitten der alten Schlosshülle das Riesenrad samt Achterbahn platziert: „Kirmes als Sinnbild für die Leere“. Sie kritisierten, dass es in der Schloßplatz-Diskussion mehr um die Bilder als um Inhalte gehe.

Inzwischen sind die Inhalte des Schlossneubaus mit dem Humboldt-Forum samt Museen, Bibliothek und wissenschaftlichen Sammlungen weitgehend geklärt. Jetzt wird es um Bilder gehen müssen, die sich auch verwirklichen lassen.

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