Harald Martensteins Kolumne : Das Schloss eines Diktators

Bei Berliner Baumaßnahmen gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder es wird niemals fertig, oder es geht schnell und sieht mittelmäßig aus. Harald Martenstein über das Stadtschloss und andere Pläne.

Harald Martenstein
Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: dpa

Zu der Schlossdebatte habe ich mich, obwohl ich Berlin liebe wie eine Tochter, bis zum heutigen Tage nicht geäußert. Grund: Mir ist jede Entscheidung recht. Ich möchte auf keinen Fall neue, womöglich brillante Argumente in die Debatte einbringen, die womöglich den Gang der Ereignisse verzögern, und sei es nur um Minuten.

In unserer Straße werden, auf einer Länge von etwa fünfzig Metern, Rohre verlegt. Fernwärme soll kommen. Die Bauarbeiten dauern sechs Monate. Nach den sechs Monaten nehmen sie sich die nächsten fünfzig Meter vor. Ich werde jahrelang inmitten von Baustellen wohnen, und falls ich so alt werde wie Johannes Heesters, werde ich erleben, dass es in unserer Straße Fernwärme gibt. Am Südstern befindet sich seit, ich glaube, zwei Jahren eine Baustelle, weil an einer Tunnelwand eine Kleinigkeit gerichtet wird. Der Bau eines Behindertenaufzuges am U-Bahnhof Potsdamer Platz sollte elf Monate in Anspruch nehmen, ich weiß nicht, ob sie inzwischen fertig sind. Nirgendwo können Baumaßnahmen so lange dauern wie in dieser Stadt, der Grund dafür ist mir unbekannt. Manchmal aber geschieht ein Wunder, und sie stellen flott etwas hin, etwa den Potsdamer Platz. Die Kritiker sind von diesen Bauwerken in der Regel entsetzt. Auch ich könnte mir etwas Schöneres vorstellen als den Potsdamer Platz. Aber, mein Gott, er ist fertig, er steht.

Bei Berliner Baumaßnahmen gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder es wird niemals fertig, oder es geht schnell und sieht mittelmäßig aus. Die zweite Möglichkeit ist eindeutig besser. Sie sollen also mit dem verdammten Schlossbau endlich anfangen, damit ich eine biologische Chance habe, das Ergebnis bei halbwegs klarem Verstand zur Kenntnis zu nehmen und darüber zu meckern.

Warum wurde eigentlich früher schneller und interessanter gebaut? Weil es keine Demokratie gab. Die demokratischen Entscheidungsprozesse kosten viel Zeit, und das Ergebnis einer Gruppendiskussion, in der hundert Forderungen und Argumente berücksichtigt werden müssen, ist fast immer Mainstream und Mittelmaß. Nur Alleinherrscher können große Architekturvisionen verwirklichen, sei es der Petersdom, seien es die Pyramiden oder, heute, die Stadt Dubai.

Ich habe wirklich keine Lust auf Diktatur. Aber ich fände es gut, wenn über bestimmte Bauprojekte von einer einzigen Person ganz frei entschieden werden dürfte, sozusagen als Projektdiktatoren. Dabei kämen spektakuläre Bauwerke heraus. Es gibt ja auch Literatur- und Theaterpreise, über die eine Einzelperson entscheidet. Lasst meinetwegen Marcel Reich-Ranicki, Thomas Gottschalk oder Elke Heidenreich über das Schloss entscheiden! Huch – jetzt habe ich ja doch etwas zur Debatte beigetragen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben