Humboldt-Forum : El-Dorado-Träume am Schlossplatz

So könnte es sein, wenn das Schloss fertig ist: Eine Ausstellung zum Humboldt-Forum zeigt Chancen und Tücken.

Christina Tilmann
Ausstellung zum Berliner Humboldt-Forum
Was die Humboldts sammelten. Und noch viel mehr kommt ins Schloss - und kann jetzt schon im Alten Museum bestaunt werden.Foto: dpa

Vom legendären El Dorado haben schon viele geträumt, und auch Alexander von Humboldt hat sich 1807 auf die Suche nach dem Gold begeben, das der Legende nach jeder Herrscher bei seinem Amtsantritt in den See von Guatavita im Bergland bei Bogota geworfen hat. 500.000 Gegenstände müssten sich im Laufe der Zeit auf dem Boden des Sees angesammelt haben, im Wert von 300 Millionen Dollar, hatte Humboldt berechnet. Die Schatzgräber ließen nicht auf sich warten, versuchten wiederholt den See trockenzulegen und mussten das Gold am Ende doch auf dem Grund belassen. Vom El Dorado träumt man noch heute.

So ein Goldsee würde heutzutage gerade reichen, um das auf 500 Millionen Euro Baukosten geschätzte Berliner Stadtschloss aufzubauen. Alexander von Humboldt jedoch steht erneut Pate, bei einer Ausstellung im Alten Museum in Berlin, die in Zusammenarbeit zwischen den Staatlichen Museen zu Berlin, der Humboldt-Universität und der Berliner Landesbibliothek entstanden ist. Im Vorgriff auf das künftige Humboldt-Forum soll hier prototypisch vorgeführt werden, wie deren Zusammenarbeit als künftige Nutzer aussehen kann.

Das Konzept ist schon dreihundert Jahre alt. Gottfried Wilhelm Leibniz entwarf in seinem Essay „Drole de pensée“ ein ideales Wissenschaftstheater und träumte dabei von Zauberpalast und Zauberinsel, Taschenspielertricks, Pferdeballett, Schattentheater und Feuerwerken, von Akademien, Kollegien, Ballsälen, Konzerten und Gemäldegalerie, Konversationen und Konferenzen und davon, dass man verstehen lerne, wie ein Kind „ein schweres Gewicht mit einem Faden heben kann“. Seine Vision endet mit dem Satz: „Das Unternehmen könnte so schöne und bedeutsame Folgen haben, und vielleicht wird es eines Tages von der Nachwelt geliebt.“

Die Liebe hat sich noch nicht richtig eingestellt. Leibniz’ Wissenschaftstheater muss man sich als halb Jahrmarkt, halb wissenschaftliches Labor, eine Mischung aus Universität und Wunderkammer vorstellen. Und ein bisschen von diesem Geist kehrt nun in der Ausstellung „Anders zur Welt kommen“ wieder. Sehr essayistisch werden im Obergeschoss des Alten Museums Verbindungslinien und Themeninseln entworfen, historische Ursprünge, Forschungsausblicke und eine Reise um die Welt in nur drei Räumen. Zwar gibt es kein Pferdeballett oder Feuerwerk, aber Schattentheater und Taschenspielertricks zuhauf, ausgestopfte Tiere und eine Flotte von Schiffsmodellen, und eine Fülle von Einzelerzählungen, die sich zu keinem Bild der Welt runden wollen. Das Chaos als Chance.

Dabei beginnt alles geordnet. Die von Mitinitiator Horst Bredekamp immer wieder zitierte königliche Kunstkammer, die nun aus Beständen der Museen und der Universität nach dem Inventar von 1694 rekonstruiert wird, war ein Kuriositätenkabinett aus der Frühzeit wissenschaftlicher Forschung. Ein mit einem Baumstamm verwachsenes Hirschgeweih findet sich ebenso dort wie eine Laterna Magica, Teleskope, Globen und Zerrspiegel, aber auch Bernsteinfunde, chinesische Vasen, Präparate von Enten und Kugelfischen und ein mechanischer Maikäfer. All das wird wie in einen Setzkasten eingeordnet präsentiert, eine einzige große Wandinstallation, vor der der Besucher erneut zum Kind wird und das Staunen lernt.

So anschaulich, so elektrisierend kann Wissenschaftsgeschichte sein. Nimmt man die abenteuerlichen Geschichten der ersten Forscher und Handlungsreisenden in preußischem Auftrag dazu, die aus aller Welt Kuriositäten zurückbrachten, hat man in der Tat ein veritables Wissenschaftstheater mit intellektuellem Feuerwerk. Der Geist der Differenzierung, mit dem Adolf Bastian später den systematischen Aufbau der völkerkundlichen Sammlungen betrieb, und der in immer größerer Spezialisierung und Aufteilung der Sammlungen endete, hier wird er noch einmal lustvoll aufgehoben. Gleichsam ein Blick zurück in die Kindheit der Wissenschaftsgeschichte.

In der Idee Humboldt-Forum versucht man nun, diesen Geist des spartenübergreifenden Zusammenwirkens wiederzubeleben. Im die Ausstellung beschließenden Forschungslabor, wo die Institutionen ihre Projekte in einem Mix aus offenem Labor und Lesesaal vorstellen, zeigt sich, dass solche Zusammenarbeit längst fruchtbar existiert. Wie ein Bücherband läuft ein mediales Register aller Projekte über die Wand, immer wieder öffnen sich einzelne Themen als Film. Da begegnet man Schnecken als Kronzeugen der Evolution, verfolgt den Weg vom Webstuhl zum World Wide Web, lauscht dem Soundarchiv oder beobachtet, wie im Huichol-Projekt Funde einer Expedition von 1905 heutigen Nachkommen präsentiert werden. Kurioses, Abwegiges, Anregendes auch hier – eine Fortführung der Wunderkammer mit heutigen Mitteln.

Problematisch jedoch ist der Bereich, der das Mittelstück der Ausstellung bildet und im künftigen Schloss den Hauptteil ausmachen wird. Der Versuch, mit den Beständen der außereuropäischen Museen Schneisen durch die Kulturen der Welt zu schlagen, leidet am Themenüberfluss und Raummangel zugleich. Zu pauschal die Generalthemen Macht und Ritual, unter die Völker und Kontinente subsumiert werden, zu vielfältig die Erzählungen aus tausendundeinem Land, die Fülle schöner Einzelthemen, die in der Zusammenstellung doch Ratlosigkeit erzeugen. Eine Schiffsmodell-Flotte zum weltumspannenden Thema Wasser, ein paar Schleier zum Thema Verhüllung, naive Indianerkunst von heute, und am Ende eine Videoarbeit von Matthew Buckingham: das ist ein Sammelsurium der globalen Assoziationen. Ein Kuriositätenkabinett, auch das. Aber eins, das erst noch der Klärung bedarf.

Dass sich etwa der chinesische Kaiser im 18. Jahrhundert europäische Künstler an den Hof holte, die seine Palastbeamten porträtieren sollten – dieses Beispiel für Kulturaustausch steht genauso verloren da wie das wunderbare Wandfresko von der Seidenstraße, das indische und hellenistische Einflüsse erkennen lässt. Bezeichnet hingegen sind zwei Stuckfiguren aus Oaxaca, die Experten noch in den Sechzigern begeistert als einzigartig und der Nofretete vergleichbar gefeiert hatten. Eine Göttin mit Perlenkrone schmückte stolz Katalog, Postkarten und Sonderbriefmarken, bis 1991 herauskam, dass es sich um eine Fälschung aus dem 19. Jahrhundert handelte. Die Dame wanderte ins Depot, Katalog und Postkasten wurden eingestampft. Nun ist sie wieder da, als Beispiel, wie komplex der europäische Umgang mit außereuropäischer Kunst ist. Auch Irrwege gehören dazu.

Altes Museum Berlin, bis 17. Januar 2010
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