Humboldt-Forum : Hülle und Fülle

Der Architekturwettbewerb für das Stadtschloss rückt näher. Wie die Räume für das Humboldt-Forum aussehen könnten.

Bernhard Schulz
Humboldt
Gesellig denken. Im Teesalon seiner Wohnung im Schloss empfing Friedrich Wilhelm IV. Gelehrte und ließ sich vorlesen, Der Salon...Foto: Hessische hausstiftung/Internationale Bauakademie Berlin

Die letzten Hürden werden locker genommen. So zog der Berliner Senat nun einen Schlussstrich unter die Diskussion über den Landesanteil am künftigen HumboldtForum und bekräftigte die zuletzt gefundene Verteilungsformel: 4000 Quadratmeter für die Zentral- und Landesbibliothek und nurmehr 1000 Quadratmeter für die Humboldt-Universität. Hauptnutzer des Humboldt-Forums werden mithin die Staatlichen Museen sein, die 31 000 Quadratmeter für sich reklamieren dürfen, gefolgt von der 14 000 Quadratmeter großen „Agora“ mit ihrem bunten Mix aus Veranstaltungsstätten und Gastronomie. Mit diesen Rahmenvorgaben wird die Ausschreibung des Architektenwettbewerbs vorbereitet, der im Herbst dieses Jahres ausgelobt werden soll. Wie viel Historie und wie viel Gegenwart dabei herauskommen, wird Anlass sein zu einer Neuauflage des Streits zwischen Schlossbefürwortern und -gegnern – so viel lässt sich allemal vorhersagen.

Das quantitative Denken hat die Planspiele der potenziellen Nutzer von Anfang an bestimmt. Ursprünglich war einmal von einer Drittelparität von Museen, Universität und Bibliothek die Rede – lang, sehr lang ist’s her. Wer zahlt, bestimmt, und da der Bund die Hauptlast des auf 480 Millionen Euro heruntergerechneten Gebäudes aufbringen wird, haben sich die Gewichte zugunsten der weitgehend bundesfinanzierten Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihren Museen verschoben. In wenigen Jahren, das sei nicht vergessen, hätte der Bund mit einem dreistelligen Millionenbetrag für die Sanierung der maroden Dahlemer Museen aufkommen müssen, aus deren Beständen das Humboldt-Forum bespielt werden soll.

Mit der Empfehlung der SchlossplatzKommission von 2001 und den Bundestagsabstimmungen von 2002 und 2003 wurde die Grundstruktur des künftigen Forums festgelegt: ein Gebäude in der Kubatur des 1950 gesprengten Hohenzollernschlosses. Die drei barocken Außenfassaden sowie der Schlüterhof mit seinen drei barocken Innenfassaden sind gleichermaßen durch den Bundestag vorgegeben. Und notabene das Humboldt-Forum als Zweck des Gebäudes. Ein „Wolpertinger“ – so Florian Mausbach, Präsident des federführenden Bundesamtes für Bauwesen – solle „nicht herauskommen bei dem Konstrukt, Humboldt-Forum und Schlossfassaden zu vereinen“.

Kein bajuwarisches Fabeltier also. Die Auslober haben es mit der Präzisierung ihrer Ausschreibung in der Hand. Denn die Vorstellung hat sich verfestigt, das Humboldt- Forum werde eine Art Black Box, ein multifunktionales Betongehäuse, der zum Schluss die historischen Fassaden aufgeklebt werden, für die der Förderverein Berliner Schloss mit 80 Millionen Euro Spendengeldern einstehen will.

Dabei ist die Diskussion längst vorangeschritten. Dass es sich beim Berliner Schloss nicht um eine bloße Fassade handelt, mit wenn auch enormer stadträumlicher Bedeutung – wie noch die Plastikplanen-Simulation von 1993 nahelegte –, ist mittlerweile Gemeingut. Die Qualität zahlreicher Innenräume, von denen manche sogar in Farbfotografien dokumentiert sind, steht außer Zweifel. Dabei ist ein Charakteristikum des ungeachtet seiner einheitlichen Fassaden über Jahrhunderte gewachsenen Schlosses, dass es eine Reihe von höchst unterschiedlichen Raumfolgen umfasste, die je für sich als Gesamtkunstwerke gelten.

Über deren Wiederherstellbarkeit lässt sich nur fallweise diskutieren. Immerhin sollen „historische Raumfolgen für ihren späteren Ausbau im originalen Format am alten Standort berücksichtigt“ werden, wie die Schlossplatz-Kommission empfohlen hat. München mit seiner weitläufigen Residenz hat es seit Kriegsende vorgemacht, wie man ein äußerst vielgestaltiges Ensemble Raum für Raum wiederherstellen kann und dabei Herausforderungen wie das Renaissance-„Antiquarium“ nicht zu scheuen braucht.

Das Berliner Problem ist weniger, dass die Rekonstruierbarkeit komplexer Raumschöpfungen noch immer bestritten würde, wie dies Anfang der neunziger Jahre angesichts einer noch dürftigen Kenntnislage plausibel schien. Das Problem ist eher, dass sich bei den Beteiligten bislang kein rechtes Verständnis für das Ineinandergreifen der Idee eines Humboldt-Forums mit seiner baulichen Hülle – eben der Schloss-Rekonstruktion – eingestellt hat. Das Symposium, das die Internationale Bauakademie Berlin im vergangenen Herbst veranstaltet hat, erbrachte dazu reiche Anregungen. Ob sie gefruchtet haben, wird der Text der Wettbewerbsausschreibung zeigen.

Die Wissenschaftsgeschichte Berlins ist auf viel engere Weise mit dem Schloss verflochten, als dessen Verächter je geahnt hätten. Nicht nur, dass hier einst die Antikenkammer, die Kunstkammer sowie das Medaillen- und das Naturalienkabinett beheimatet waren. In Gestalt der ethnologischen Sammlungen könnten ähnliche Kollektionen nun wieder ins Haus zurückkehren, während die anderen Sammlungen auf die Museumsinsel gewandert sind. Auch ließ sich der schwermütige König Friedrich Wilhelm IV. hier in seinem Teesalon von Alexander von Humboldt aus dessen „Kosmos“ vorlesen und suchte das „gesellige Denken“ mit den Geistesgrößen seiner Tage. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Vorgängerin der heutigen Max-Planck-Gesellschaft, wurde im Schloss gegründet.

Das klingt zunächst nach herbeizitierter Legitimation für den Schloss-Wiederaufbau. Und gewiss spielen die Wissenschaftsbezüge des Riesenbauwerks nur eine Nebenrolle. Denn zuallererst war das Schloss Symbol und Inszenierung der preußischen Königsherrschaft. Doch das Aufgreifen verschütteter Traditionen setzt Energien im Heute frei. Die von Christoph Markschies, dem Präsidenten der Humboldt-Universität, als Leitfaden der Berliner Wissenschaft beschworene „enge Einheit von Text und Objekt, von Lehrhaus und Sammlung, von Universität und Museum“ weist genau in die Richtung, Schloss und Humboldt-Forum präzise miteinander zu verzahnen. Das Humboldt-Forum kann nicht bloß zeitgenössisch sein – so wie das Pariser Musée du Quai Branly, wo seit 2006 die Artefakte Außereuropas in vorzüglicher Gegenwartsarchitektur gezeigt werden.

Die Stärke des Humboldt-Forums könnte im Gegenteil darin liegen, die eigene Geschichte – die im Lauf der Zeit zerfallene Einheit von Kunst und Wissenschaft, Erfahrung und Erkenntnis – anschaulich zu machen. Dass die Kulturen Außereuropas in die Mitte der deutschen Hauptstadt gehören, ist keine willkürliche Entscheidung. Es ist die Fortführung und, wenn man so will, Vollendung einer jahrhundertealten Tradition, die hier, in den barocken und nachbarocken Räumen des Schlosses, ihren Ort hat.

Dokumentation Humboldt-Forum, Symposium 8.- 10. 9. 2006. Berlin 2007, 328 S., 24,80 €. Bezug über Intl. Bauakademie Berlin, Kurfürstendamm 58, 10707 Berlin. mail@internationale-bauakademie.com

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