Palast-Abriss : Die Stunde des Schlosses

Bald sind die letzten Reste des Palasts der Republik beseitigt. Dann ist Platz für das Stadtschloss. Lange war es verspottet. Doch das ändert sich: Wie sich Berlin und der kaiserliche Prunkbau nähergekommen sind.

Christian van Lessen
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Initialzündung. 1993/94 wurde das Schloss mit einer Plastikhülle nachgestellt. Foto: dpa

Berlin und sein Schloss – sie kommen sich näher. Wie oft ist über das „Luftschloss“ gespöttelt, wie oft sein glühendster Vorkämpfer, Wilhelm von Boddien vom Förderverein, als Fantast belächelt worden. Wie oft schienen Sinn und Finanzierung eines solchen Bauwerks angesichts knapper Haushaltskassen fraglich. Das Schloss war als Idee und Vision nicht gerade populär und immer mit einem Fragezeichen verbunden. Im Ostteil schwang stets viel Trauer über den Palast der Republik mit, doch schien den meisten Berlinern der Gedanke fremd, an diesem Ort erneut das kaiserliche Schloss zu bekommen.

Aber seine Hülle kommt. Wenn der letzte Rest des Palastes der Republik gefallen ist, beginnt schon die Stunde des Schlosses. Es gibt kein Zurück mehr für das Humboldt-Forum, das auf drei Seiten von einer rekonstruierten Schlossfassade umgeben sein wird. Der Neubau wird zwar kein wiederaufgebautes Schloss, aber er wird von außen so tun, als sei er es.

Die Berliner reden schon mehr vom Schloss als vom Humboldt-Forum. Sie beginnen offenbar, sich mit seiner künftigen Existenz anzufreunden, der Freiraum auf dem Schloßplatz bietet viel Platz für Fantasie. Real sind die Bundestagsbeschlüsse für den Bau und seine äußere Gestaltung, real die Finanzierungszusagen des Bundes und des Landes, das sich anfangs schwer tat mit der Schlossidee. Da es an Alternativen fehlt, wächst die öffentliche Akzeptanz fürs Schloss.

Kurz nach der Wende hätte ein Neubau dieser Art nur viel Gespött und Unverständnis ausgelöst. Das Schloss schien damals, 40 Jahre nach seiner Sprengung, in Ost wie in West aus dem öffentlichen Bewusstsein verbannt und vergessen. In der Diskussion über einen Schlossneubau, die Anfang der neunziger Jahre begann, hatten die Befürworter schlechte Karten. Im Ostteil wollten zwei Drittel der Leute den Palast, im Westteil forderten drei Viertel seinen Abriss. Aber 58 Prozent aller Berliner wollten kein wiederaufgebautes Schloss. Heute gibt es wieder eine Umfragemehrheit von 58 Prozent – für das Schloss.

Nur fünf Prozent der Berliner trauern noch dem Palast nach.  Das Schloss ist „angekommen“ in der Stadt. Seine Hülle hat sich in zahlreichen Abbildungen der letzten Jahre im Bewusstsein verankert, ist fast vertraut geworden. Der Förderverein zeigt geschickt helle Simulationen, die kaum Zweifel an der gewaltigen Baumasse aufkommen lassen. Eher entsteht Neugier, ob sich die Fassade wirklich so hell und doch originalgetreu wiederherstellen lässt, ob sich die „alte“ Hülle mit dem modernen Innenleben überhaupt verträgt – ob alles nicht noch teurer wird.

Sollten die Baukräne für das Humboldt-Forum im Jahr 2010 anrollen und die Humboldt-Box als erklärender Info-Pavillon auf dem Schloßplatz stehen, dürfte die Baustelle eine Attraktion werden, wie es auch der Potsdamer Platz wurde, als dort die berühmte rote Info-Box stand. Dann könnte auch die seit Jahren dümpelnde Spendenbereitschaft für die 80-Millionen-Fassade wachsen – hofft der Förderverein. Das oft bespöttelte „Plastikschloss“, das der Kaufmann Wilhelm von Boddien nach einer Idee des Bauhistorikers Goerd Peschken und des Architekten Frank Augustin als Kulisse vom Sommer 1993 bis zum Herbst 1994 auf den Schloßplatz stellte, war zumindest die Initialzündung, öffentliches Interesse zu wecken. Zuvor hatten sich CDU und FDP in Berlin für den Wiederaufbau des Schlosses ausgesprochen, die SPD dagegen. Es gab 1994 den teuren Spreeinsel-Wettbewerb, der noch davon ausging, dass sich hier neue Bundesbauten ansiedeln, aber nicht in Gestalt eines Schlosses. Doch der Ausdruck „Kubatur des Schlosses“ machte schon die Runde, gemeint war damit das riesige Ausmaß des einstigen kaiserlichen Bauwerks.

Investoren wollten Hotels und Konferenzzentren mit Geschäften bauen, kein moderner Entwurf überzeugte Bund und Senat. Das Schloss hatte sich in vielen Köpfen eingenistet. Die Internationale Kommission Historische Mitte empfahl die Schlossfassade für das Humboldt-Forum. Es wurde 2002 vom Bundestag beschlossen. Der damalige Bausenator Peter Strieder (SPD) forderte vergeblich moderne Architektur, wollte stückweise Bauten hinstellen, eine Art Lego-Prinzip. Er hoffte, das „Luftschloss“ möge sich in Luft auflösen. Nun fängt es an, sich zu verfestigen.

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