Schlossplatz : Die Leere schmerzt

Das Schloss ist beschlossene Sache – doch für die historische Mitte fehlt ein überzeugendes Konzept Dabei böte sie doch die Chance, zum Versuchsfeld für die Stadt der Zukunft zu werden. Ein Plädoyer von Gerd Nowakowski.

315280_0_9540f387.jpg
Blick auf den Schlossplatz im Dezember 2009 -Foto: Thilo Rückeis

Eine Riesenbadewanne im Herzen der Stadt? Ein Biotop mit Ruinen vor dem Roten Rathaus? Wenn es nach Senatsbaudirektorin Regula Lüscher geht, könnte das Berliner Zentrum irgendwann so aussehen. Was die Architekten von Graft, Chipperfield und Kiefer für das historische Marienviertel präsentieren, kann kritisch gesehen werden. Ja, man kann empört sein über die Verlandschaftung der Stadt, es gar als Kapitulation der architektonischen Moderne lesen, wenn den Planern nicht mehr einfällt als eine öde Aufmarschfläche, eine Parkanlage oder eben eine Wasserfläche à la Hamburger Binnenalster, wo jetzt schon die Leere schmerzt. Die gigantische Badewanne vor Klaus Wowereits Regierungsstätte sieht spektakulär aus, den historischen Ort und die Geschichte der Stadt aber ignoriert sie völlig. Die breite Wasserfläche macht nur um so deutlicher, dass Berlin ein städtebauliches Gegengewicht braucht zum gigantischen Kubus des künftigen Humboldt-Forums auf der anderen Spreeseite.

Die Zeit drängt, sich darüber klar zu werden, was die Stadt will, weil das Schloss beschlossene Sache ist. Das weite Feld unterm Fernsehturm, wo von der städtebaulichen DDR-Moderne nur noch der dorthin versetzte Neptun-Brunnen und die vereinsamten sozialistischen Urväter auf ihrem Sockel künden, ist aber nur ein Ort, an dem Stadt neu gedacht werden muss.

Nach der städtebaulichen Stunde Null des Mauerfalls, als zwischen Potsdamer Platz und Regierungsviertel Berlin sich neu erfand, warten immer noch große Stadtbrachen auf Gestaltung und künftige Nutzung. Das gigantische Areal der Mediaspree, die riesige Fläche der künftigen Eurocity am Hauptbahnhof sind bittere Hinterlassenschaften aus Teilung und Zerstörung. Aber diese Flächen sind auch gleichzeitig ein Geschenk an die Stadt, um das uns andere Metropolen beneiden. Zusammen mit den Flächen des schon geschlossenen Flughafens Tempelhof oder des nur noch bis 2011 geöffneten Tegeler Airports hat Berlin die Chance, zum weltweit beachteten Versuchsfeld für die Stadt der Zukunft zu werden, ökologisch verträglich und mit menschlichem Maß.

Wie wollen wir künftig leben, ist die zentrale Frage in einer Stadt, die wieder stetig wächst und vor allem jüngere Menschen anzieht. In wenigen Jahren wird sich die Frage einer Fusion mit Brandenburg überholt haben – weil sich mit den Berliner Umlandsgemeinden ein Siedlungsgebiet mit fünf Millionen Menschen entwickelt hat. Nachhaltigkeit und Ökologie werden zentrale Begriffe sein, weil der Klimawandel neue stadtplanerische Lösungen für Metropolen fordert. Wegen der natürlichen Kühlfunktion für die Innenstadt wird es etwa zum Wiesenmeer auf dem Tempelhofer Feld keine Alternative geben.

Die Vision von Licht und Sonne statt dunkler Hinterhöfe hat in der Mitte des letzten Jahrhunderts bedeutende architektonische Lösungen wie das Hansa-Viertel hervorgebracht, aber auch unbelebte, öde Flächen wie das Kulturforum neben der Philharmonie, an der die Stadt leidet. Unser Begriff von Stadtzentrum ist heute mit dichter Bebauung und lebendiger Nutzung verknüpft. Trotz der Bemühungen, mit Townhouses auch Familien wieder ins Zentrum zu holen, wird weiterhin am Stadtrand wohnen müssen, wer Natur will. Die Ostsee vorm Haus und dahinter die Friedrichstraße, das wird es nicht geben.

Der Rückbau zum Landschaftspark ist deshalb für die Keimzelle der mittelalterlichen Stadt, zwischen Fernsehturm und Schloss, keine Perspektive. Alternativen gibt es. Mit dem Planwerk Innenstadt hat der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann eine Folie hinterlassen, mit der Berlin anknüpfen kann an die historischen Straßenraster des Marienviertels – aber ohne falsche Historisierung.

Senatsbaudirektorin Lüscher, die bislang Mühe hatte, aus dem großen Schatten ihres Vorgängers herauszutreten, hat mit den vorgestellten Plänen zumindest eines erreicht: Es wird diskutiert über die Frage, wie Berlin mit seinem historischen Zentrum umgeht, was am Ufer der Spree entstehen soll. Der damalige Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer hat in den neunziger Jahren zu Recht vor ungezügelter Eile bei der Stadtplanung gewarnt: Gute Lösungen brauchen ihre Zeit. Aber zwischen überstürzt und tatenlos ist für die Politik sehr viel Raum.

0 Kommentare

Neuester Kommentar