Schlossplatz : Für immer der Erste

Bernd Niebuhr gewann 1994 den Wettbewerb um die Zukunft der Spreeinsel. Auch wenn von seiner Idee nicht viel geblieben ist - der Sieg war für den damals weitgehend unbekannten Architekten ein Riesenerfolg.

Matthias Oloew

Wenn die Jury am morgigen Freitag einen Sieger im Wettbewerb kürt, wird dieser trotzdem nur die Nummer zwei sein. Denn der erste Sieger um einen Neubau anstelle des Palastes der Republik steht seit fast 15 Jahren fest: Er heißt Bernd Niebuhr und gewann den Wettbewerb um die Zukunft der Spreeinsel in Berlins Mitte – den größten der Baugeschichte.

Allein, von seinen Entwürfen ist nicht viel geblieben. Schon vor der Jury-Sitzung damals stand nämlich fest, dass der Bund als Auslober und Bauherr seine Pläne ändert. Statt, wie im Wettbewerb gefordert, auf der Spreeinsel einen neuen Platz für das Außen- und das Innenministerium zu finden und darüber hinaus noch ein Kongresszentrum und eine Bibliothek unterzubringen, sollten die Ministerien nun, um Kosten zu senken, in Altbauten ziehen.

Trotzdem war der Gewinn des Wettbewerbs für den damals 35-jährigen und weitgehend unbekannten Architekten Bernd Niebuhr ein großer Erfolg. Und eine Riesen-Überraschung. Denn: „Meine Entwürfe waren sehr streitbar“, erinnert er sich, „und sie wurden von der Kritik verrissen.“

Dabei ist das, was Niebuhr erdachte, heute im Kern nicht umstritten. Er wollte den alten Stadtgrundriss wiederherstellen, so dass die drei Plätze Lustgarten, Schloßfreiheit und der Schloßplatz wieder das alte Zentrum der Stadt markieren. Er nennt es „erinnernden Städtebau“. Dafür wollte er nicht nur DDR-Außenministerium und Palast der Republik, sondern auch das ehemalige Staatsratsgebäude abreißen. Schweren Herzens, wie er sagt: „Ich wollte die Brüderstraße wieder herstellen und das Staatsratsgebäude steht mitten drauf.“

Statt des Schlosses sah er ein Stadthaus vor, in der gleichen Kubatur, mit einem riesigen ovalen Innenhof, der „24 Stunden offen sein und eine theaterhafte Inszenierung bieten sollte.“ Von seinen Kritikern wurde dies als „barocke Geste“ fehlgedeutet, der Innenhof gar mit dem Machtanspruch eines Kolosseums verglichen. „Meine Architektursprache wurde nicht verstanden“, sagt Niebuhr, „die Ideen hatten keine Lobby.“

Dabei ist Niebuhr, der damals in Schöneberg wohnte, nie ein Freund der Wiederaufbaupläne gewesen. Er ist es bis heute nicht. „Ich hätte mir nie vorstellen können, tatsächlich das Schloss wieder zu errichten“, sagt er. Niebuhr, heute Professor an der Fachhochschule Bielefeld, wollte ein öffentliches Haus mit einem öffentlichen Innenhof: „Hier liegt die empfundene Mitte der Stadt, war einst der Sitz des Monarchen und damit für die meisten Menschen eine Tabuzone.“

So etwas dürfe es im Sinne einer demokratischen Gesellschaft nicht mehr geben, sagt er, und fürchtet, mit dem Wiederaufbau des Schlosses und seiner zwei Innenhöfe könnte genau das passieren: „Kleine Höfe werden sehr viel stärker kontrolliert“, stünden eher geschlossenen Gesellschaften statt der breiten Masse offen.

Was bleibt? Neben den prägenden Ideen, den Stadtgrundriss wieder zu errichten, die Gewissheit, dass Bernd Nie buhr den größeren der beiden Wettbewerbe für sich entschieden hat. Damals nahmen 1105 Architekten teil; diesmal sind es 158. Matthias Oloew

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