Schlossplatz : Verloren in Berlins größter Leerstelle

Was bei der Diskussion ums Schloss gern vergessen wird: Die Buddelei in der Stadtmitte nimmt bis 2014 kein Ende - mindestens.

Lothar Heinke
Palast der Republik
Der Palast der Republik wird abgebaut, daneben errichten Händler ihre Weihnachtsmarktbuden. -Foto: Thilo Rückeis

Die dicken schwarzen Botero-Figuren im Lustgarten gucken etwas unfroh. Schwer und grau lasten die Wolken auf der Mitte der Stadt. Der Dom hat sein Kuppelkreuz verloren, das steht einsam neben dem gewaltigen Bauwerk und wirbt um 700 000 Euro für die eigene Erneuerung. Gegenüber pfeift der Wind durchs Gerippe der Palast-Ruine. O, o, Tristesse.

Auf dem Schlossplatz haben sie gerade Schilder aufgestellt: Bis 27. Dezember ist das Parken verboten. „Wegen Weihnachtsmarcht“, sagt die Frau in der Imbissbude, „es ist wieder so weit.“ Die Fahrgeschäfte und Buden mit den bunten Lämpchen rollen an und machen aus dem Gelände das, was es eigentlich seit 17 Jahren ist: ein Rummelplatz.

So geschichtsbeladen dieser Ort auch sein mag, ansehnlich ist er nur noch auf Bildern und Postkarten. Auf den ganz alten sieht man das Schloss mit seiner Kuppel wie eine Festung mitten in der Stadt, auf den jüngeren spiegeln sich Dom und Platz in den Scheiben vom Palast der Republik. Je tiefer der fällt, desto höher steigen die Chancen für ein Schloss, das offiziell verschämt Humboldt-Forum heißt. Während der „selektive Rückbau“ (Senatorin Junge-Reyer) so weit gediehen ist, dass das größte Kulturhaus der DDR nur noch aus zwei durchlöcherten Stahlgerüsten besteht und einer Schiffswerft ähnelt, zeigt sich das, was folgt, schon auf den Fotos einer Schautafel gegenüber. Französische Gymnasiasten hören vom Stadtführer, wie der ostdeutsche Chef Walter Ulbricht 1950 das im Krieg ziemlich lädierte Schloss sprengen ließ, was nun wieder aufgebaut werden soll, wofür der Palast der Republik abgerissen wird. Dabei müssen 78 000 Tonnen Stahl und Schutt beseitigt werden. „Aber warum machen die heute den gleichen Fehler wie dieser Monsieur Ulbricht?“, könnte einer aus der Runde fragen, „es gab doch keinen Krieg, alles war intakt?“

Wir balancieren über die Unkrautwüste in den Kellerresten des Schlosses. Auf dem Baugelände arbeiten vier Kräne. Auch Kräne können lügen. Selektiver Rückbau! An einer seiner Tafeln beantwortet der Förderkreis Berliner Schloss die Frage, wem das Schloss eigentlich nützt? „Dem Berliner der Zukunft. Dem Stadtbürger, dem Citoyen, dem Flaneur. Es ist ein Ort der Nicht-Preisgabe, der Bewahrung.“ Aha.

Dafür spendiert der Staat fürs Erste 552 Millionen Euro, 80 Millionen will der Förderverein beisteuern. Dessen Hauptakteur, der Hamburger Kaufmann Wilhelm von Boddien, hatte 1993 die Idee, mit einer spektakulären Simulation zu zeigen, wie das Schloss einmal aussehen könnte. Das war genial, aber es öffnete kaum die Börsen der Spender. In 14 Jahren sind gerade 7,1 Millionen zusammengekommen. Geht das so weiter, liegen die 80 Millionen etwa im Jahr 2150 vor, zur Freude unserer Ururenkel. Was alles entstehen soll, beschreibt ein Faltblatt, das sich jeder mitnehmen kann, der die kleine Aussichtsplattform neben dem Abrissareal besteigt: „Einst war hier das Stadtschloss Mittelpunkt Berlins und Preußens. Nun wird das ,Humboldt-Forum‘ entstehen, das die außereuropäischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Sammlungen der Humboldt-Universität sowie der Landesbibliothek mit einem Veranstaltungs- und Kultur-Zentrum vereint. Das Humboldt-Forum soll als Ergänzung zur Museumsinsel eine eigene Wirkung entfalten und sich an der Stereometrie des ehemaligen Stadtschlosses orientieren.“

Hell erklingt die Zukunftsmusik. Doch bis zum Tag X gibt es noch mehr, das diesen Platz erstrahlen lassen soll. Zunächst aber haben wir es hier mit der größten Baustelle der Stadt zu tun.

Sie startet etwa im Jahre 2009, wenn der Palast verschwunden ist. Als „Zwischennutzung“ entsteht eine kleine, zur Spree abfallende Grünfläche, hinzu kommen ein weißer Kubus als moderne Kunsthalle (an der Ecke Liebknechtstraße/Schlossplatz) und eine „Humboldt-Box“. In der soll über das Bauvorhaben informiert werden. Im Senat rechnet man damit, dass im Jahr 2011 Kubus, Box und Grünanlage wieder abgebaut werden, damit der neue Grundstein fürs alte Schloss in die Erde kommt. Vorausgegangen ist dann ein internationaler Architektenwettbewerb, jeder Berliner kennt die Risiken und Nebenwirkungen eines solchen Unternehmens – wenn man 2013 beginnen kann, wären wohl alle froh.

Doch da meldet sich auch noch die BVG zu Wort. Sie möchte nahe dem Schloss an der Breiten Straße ihre U 55 („Kanzler-Linie“) vom Hauptbahnhof zum Alex bauen – möglichst, bevor das Schloss steht, und unter der Spree hindurch. Momentan weiß kein Mensch, wohin mit der Logistik, mit den Kränen, Containern, Baufahrzeugen. Denn der Sockel des früheren Kaiserdenkmals wird eventuell für ein Einheitsdenkmal benötigt. Oder dort wird kleinteilig gebaut, wie einst im vorvorigen Jahrhundert auf der Schlossfreiheit.

Und wann dürfen wir hier flanieren? Das Bundesbauministerium sagt: Architekturwettbewerb fürs Schloss noch 2007, Baubeginn 2010, Fertigstellung voraussichtlich 2014. Der Berliner aber zweifelt bekanntlich immer und brummt: Wer’s glaubt...

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