Schlossplatz : Zeitreise für 50 Cent

Auf dem Schloßplatz steht jetzt ein Timescope. Mit dem Fernrohr kann man in die Vergangenheit blicken Die Firma Wall will noch mehr dieser Geräte aufstellen – möglichst drei in jedem Bezirk.

Christian van Lessen
154547_0_85110024
Blick zurück: Mit dem von der Firma Wall gesponserten Timescope kann man jetzt in die Vergangenheit sehen. -Foto: Thilo Rückeis

Wer das metallene Fernrohr Richtung Osten schwenkt, hat den Schloßplatz vor Augen. Das ist nicht verwunderlich, denn das Rohr steht an der Schloßbrücke. Aber per Tastendruck lässt sich aus jeder Perspektive die Vergangenheit hervorzaubern: Das Schloss vor über 100 Jahren, dann das zerstörte, später gesprengte Schloss, den intakten Palast der Republik mit dem einstigen DDR-Außenministerium gegenüber. Es sah 1993 noch erstaunlich frisch aus.

Das wundersame Fernrohr heißt Timescope und lässt sich bis zu 120 Grad durch die Epochen schwenken. Und sollten sich nach dem geplanten Wettbewerb die Baupläne für das Humboldt-Forum verdeutlichen, lässt sich durch das Fernrohr auch in die Zukunft schauen. Dann kann man schon viele Jahre vor der Fertigstellung das neue Schloss bewundern.

Die Stadtmöbelfirma Wall hat die „Weltpremiere“ des Zeitfernrohrs am Montag vorgestellt. Wie berichtet, arbeitet das Unternehmen bereits seit Jahren an dem Projekt, das sie gemeinsam mit der Firma Art + Com – zuständig für die Software – entwickelt hat. Mit dem Timescope lässt sich durch die Geschichte eines Ortes navigieren, per Taste ist der Sprung durch die Epochen möglich, 50 Cent für drei Minuten. Das Bild des Schloßplatzes von 1900 bis in die Gegenwart – dieses Zeitreisefernrohr, sagt Daniel Wall, sei ein Beitrag zur Stadtgestaltung und das ideale Medium, um die Veränderung eines Ortes zu dokumentieren. Man wolle auch mit anderen Bezirken kooperieren und weitere Geräte an ausgewählten Standorten aufbauen. Als Gegenleistung hoffe man auf attraktive Plakatflächen. Wall kann sich vorstellen, in jedem Bezirk drei dieser Geräte zu installieren. In Kürze soll an der Spandauer Zitadelle ein Zeitfernrohr aufgestellt werden.

Der Bezirk Mitte hat das Timescope, das mit der Software rund 14 000 Euro wert ist, offiziell als Geschenk erhalten. Die Einnahmen kassiert Wall, der Bezirk wiederum berechnet eine kleine Pacht für den Quadratmeter Boden, auf dem das Fernrohr steht. Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) sagt, er sei begeistert von dem innovativen Gerät und lobt den Hersteller, der „sich solche schönen Dinge ständig neu ausdenkt“. Das Fernrohr sei in erster Linie eine Touristenattraktion, könne aber auch ein Instrument der Bürgerbeteiligung bei der Stadtplanung sein, die sich oft schwer vermitteln lasse. Gothe stellt sich Fernrohre am Alexanderplatz, Spittelmarkt, Molkenmarkt oder an der Museumsinsel vor dem geplanten neuen Eingangsgebäude vor. Zunächst wolle er den Versuch Schloßplatz abwarten. Landeskonservator Jörg Haspel zeigt sich fasziniert von dieser Geschichtsvermittlung.

Wall und Art + Com hatten bereits vor Monaten über das Projekt berichtet, ein erster Prototyp entstand 2003 auf einem Hausdach am Wittenbergplatz, dem Sitz der Firma Art + Com. Ein anderes steht im Haus der Firma Wall an der Friedrichstraße in Mitte. Die Einsatzmöglichkeiten scheinen unbegrenzt, es gibt genügend alte Fotos, die verarbeitet und gegebenenfalls virtuell ergänzt werden können. Wall hält auch den Potsdamer Platz für einen geeignetenTimescope-Standort, wo per Tastendruck alte Zeiten sichtbar werden könnten. Das Gleiche gilt für den Pariser oder den Breitscheidplatz.

Die Erfolge der einstigen Info-Box am Leipziger Platz beflügelten die Entwickler. Ebenso die anderen großen äußerlichen Veränderungen Berlins in den neunziger Jahren. Sie hoffen, dass sich das Projekt bundes- und weltweit durchsetzt, das Produktionswerk in Velten davon profitiert. Das Naturkundemuseum profitiert davon auch. Es wird zur Wiedereröffnung der großen Säle in dieser Woche per „Jurascope“ furchterregende Saurier durchs Gelände schicken.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben