Stadtschloss : Depot der Weltkulturen

Schätze fürs Schloss: Was kommt ins Humboldt-Forum? Ein Besuch im Ethnologischen Museum in Dahlem.

Simone Reber
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Gläsernes Archiv. Die ethnologischen Sammlungen sind das Gedächtnis der Welt, bislang meist im Verborgenen. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Chibinda Ilunga erzählt von Krisengewinnlern. Der kleine Prinz aus dunklem Holz ist leicht als solcher zu erkennen: Sein Haar sitzt pompös frisiert wie ein hoher Helm auf dem Kopf. In den Inventarbüchern des Ethnologischen Museums ist die Plastik der Chokwe aus dem heutigen Angola noch anonym als Fetisch registriert. Aber Peter Junge, der Leiter der Sammlung Afrika, kennt inzwischen Chibinda Ilungas wahre Identität. Mit dem Verbot der Sklaverei verloren die afrikanischen Königreiche an der Westküste ihre Einnahmequelle, andere Exportprodukte wie Elfenbein und Bienenwachs gewannen an Bedeutung. Die Lieferanten aus dem Landesinneren bildeten mit wachsendem Wohlstand eine eigene politische Identität aus. Weil sie über keine ruhmreiche Vergangenheit verfügten, stellten sie sich als die Erben von Chibinda Ilunga dar, der Jahrhunderte zuvor ein mächtiges Handelsreich am Kongo gegründet hatte. Die Holzfigur mit der Hochfrisur ist also kein religiöser Fetisch, sondern der Versuch einer jungen Wirtschaftsmacht, sich aus der Vergangenheit zu legitimieren.

„Die Objekte sind da, sie bleiben die gleichen, nur unsere Fragen an sie ändern sich“, sagt Viola König. Für die Direktorin des Ethnologischen Museums spiegeln die Sammlungen den europäischen Blick des 19. Jahrhunderts auf die fremden Welten, eine Perspektive, die jede Veränderung bereits als Untergang des Ursprünglichen wahrnahm.

Tatsächlich treffen hinter den grauen Stahltüren des unscheinbaren Dahlemer Depots Vorurteile der Vergangenheit auf Forschungsergebnisse der Gegenwart, Abenteuerlust der Reisenden auf Akribie der Archivare, Exotik ferner Kontinente auf deutsche Systematik. Dolche, Masken, Trommeln lagern in langen Gängen mit Holzschränken. Prächtig bestickte Gewänder hängen auf Bügeln an der Stange, Hüte darüber, Schuhe darunter. Schutzgötter, Schilde und Schilfkörbe sind fein säuberlich hinter Glas sortiert. In dem fünfstöckigen Magazingebäude befindet sich mit rund 500 000 Objekten die größte ethnologische Sammlung Europas. In der Ausstellung zeigt das Museum davon nur 3 Prozent. Mit der Planung für das Humboldt-Forum im Berliner Stadtschloss, das 2013 errichtet sein soll, rückt der gigantische Speicher der Weltkulturen ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Im Treppenhaus des Dahlemer Depots hängt eine große Weltkarte. Darauf sind die Reisen von Adolf Bastian vermerkt, der als Begründer der Ethnologie gilt und der erste Direktor des Königlichen Museums für Völkerkunde war. Der Schiffsarzt und Reedersohn war jahrelang durch die Weltgeschichte gezogen und zog äußerst erfolgreich ein Netz von Sammlern und Händlern auf, das ihn mit Ethnographica versorgte. Bastian teilte die Bestände in eine Schau- und eine Forschungssammlung, er legte Wert darauf, eine Kultur möglichst umfassend zu dokumentieren. In seiner Amtszeit haben sich mit Unterstützung eines „Hilfscomités“ die Bestände explosionsartig vermehrt. So kann Peter Junge in der Afrika- Sammlung unter vielen verschiedenen Darstellungen von Chibinda Ilunga wählen. Retten, was zu retten ist, war Adolf Bastians Losung. „Aber“, meint Viola König heute, „Kulturen sind nicht statisch.“

Neu befragt liefern die stummen Zeugen erstaunliche Auskünfte. Auf dem Boden eines Magazinschranks steht die Messingfigur eines europäischen Soldaten mit Helm und Gewehr aus dem Königreich Benin. Kein Kolonialherr, sondern ein Angestellter. Durch den Handel mit Sklaven und Elfenbein reich geworden, heuerten die Herrscher von Benin Portugiesen als ihre Söldner an. Für Peter Junge besteht der Wandel in der Perspektive darin, die afrikanischen Staaten nicht mehr unhistorisch, sondern als gleichberechtigte Partner in der Geschichte wahrzunehmen.

In der Sammlung Afrika sind 25 000 Objekte noch gar nicht einsortiert. Sie sind nach der Wende aus Leipzig gekommen, als Rückgaben der sowjetischen Armee. Andere Sammlungsbereiche blieben im Verborgenen: der Islamische Orient, Südostasien sowie das Südamerikanische Tiefland.

Mitunter entsteht in diesem Depot ein seltsamer Widerspruch zwischen Lager und Schrein, denn manche Stücke gelten bis heute als heilig. Im Bereich Amerikanische Ethnologie hat ein Hopi-Indianer Maismehl vor die lebensgroßen Tanz- Masken gestreut. Für die Hopi verkörpern sie Götter, die Nahrung brauchen und nicht öffentlich gezeigt werden dürfen. Noch heikler ist der Umgang mit menschlichen Knochen. Zwar befindet sich die anthropologische Sammlung im medizinhistorischen Museum der Charité, aber zur Afrika-Abteilung gehört zum Beispiel ein komplettes Begräbnis aus Gabun. Das Gefäß steht in der Ausstellung, die Knochen bleiben im Lager. In anderen Stockwerken begegnet man Schrumpfköpfen der Shuar oder verzierten Schädeln aus Neuguinea. Von ihren Angehörigen oder Feinden zu Kultgegenständen stilisiert wirken die Köpfe im Regal wie Inventar, rufen aber betretene Minen hervor. Deshalb möchte Viola König für das Humboldt-Forum auf die Form des historischen Schaumagazins zurückgreifen, einer Mischung aus Archiv- und Präsentationsschrank, der einen häufigeren Ausstellungswechsel möglich macht

Mit dem geplanten Umzug der Außereuropäischen Kunst ins Berliner Zentrum, soll sie auch ihre kulturelle Randlage verlieren. Schon jetzt zieht sie nicht nur Touristen an. Die Yup''ik aus Alaska reisten nach Berlin, als sie eine Ausstellung über die Erfindungen ihrer Vorfahren organisieren wollten. Ihnen wurde mit Angelhaken und Fischernetzen ausgeholfen. Anders als die Yup''ik scheinen die Berliner die Schätze in der eigenen Stadt weitgehend vergessen zu haben. Schließt man die grauen Stahltüren der Magazine und betritt die Museumsräume, sieht man menschenleere Säle. Höchste Zeit für neue Fragen an Chibinda Ilunga.

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