Stadtschloss-Fassade : Die Barockbaustelle

In den Uferhallen in Wedding schaffen Bildhauer Kronen, Krieger und Konsolen: Vorlagen für die steinernen Barockskulpturen der Stadtschloss-Fassade.

 Christoph Stollowsky
311190_0_3a0c33b4.jpg
Göttlich. Viele Skulpturen der einstigen Schlossfassade, die im Atelier in den Weddinger Uferhallen aus Ton rekonstruiert werden,...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Man muss nur ein paar Kerzen aufstellen und das Licht dimmen, dann kommt Leben in die Welt des Matthias Körner. Adler blicken grimmig aus einem Regal auf ihn herab mit mächtigen Schwingen. Neben dem großen Atelierfenster stürmt ein antiker Krieger mit aufgerissenen Augen auf ihn zu, an der Wand schweben überlebensgroße Gestalten mit Engelsflügeln. Körner genießt das Ambiente. Es gibt ihm Kraft durchzuhalten bei seiner Herkulesaufgabe, seinem Lebenswerk. Der Bildhauer, 55, arbeitet am Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Er gibt dem Bau ein Gesicht.

Mit zwei Kollegen modelliert Körner in den Uferhallen in Gesundbrunnen originalgetreu hunderte Ornamente, Kapitelle, Konsolen und Figuren aus Ton. Einst schmückten diese Objekte die barocken Schlossmauern. Nun werden sie als Nachbildungen erst in Ton geformt und danach in Gips abgegossen, um später, bei der geplanten Rekonstruktion der Nord-, West- und Südfassaden des Schlosses sowie des Schlüterhofes den Steinbildhauern als Vorlage zu dienen. Denn Steinmetze sollen Körners Welt in sächsischen Elbsandstein hauen.

Koordiniert und mit Spendengeldern bezahlt werden die „vorbereitenden Arbeiten“ in Gesundbrunnen durch den Förderverein Berliner Stadtschloss. Das Projekt begann vor sieben Jahren in einem Hinterhofatelier in Pankow. Schon damals war Körner dabei, drei Jahrzehnte Erfahrung hat er mit Nachbildungen des preußischen Barock. In Berlin hat er sein Handwerk erlernt, restaurierte zu DDR-Zeiten Fassaden der Schlossbrücke, des Schauspielhauses, des Französischen Doms, auch den Berliner Bären und Brandenburgischen Adler auf den Türmen der Oberbaumbrücke.

Als die Schloss-Skulpturen und Reliefs im Pankower Atelier immer aufwändiger wurden und so gewaltige Dimensionen erreichten wie der zwölf Meter lange Trimphbogen des Eosanderportals, sah sich Körner nach größeren Räumen um. Vor drei Jahren zog die Werkstatt unters Dach der Uferhallen, die zuvor alles andere als ein Ort für die Künste waren: In den riesigen, denkmalgeschützten Ziegelbauten reparierten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) seit den zwanziger Jahren Busse und Bahnen. 2006 verkaufte die BVG ihre Zentralwerkstatt an kulturinteressierte Investoren. Seither sind dort Künstler in gemietete Ateliers gezogen.

Vom Dach im Atelier hängt noch ein Kranhaken aus BVG-Tagen, darunter herrscht fast maritime Stimmung: Palmen, ein Früchte tragender Orangenbaum, die Espresso-Maschine schlürft. Passt alles zum Stadtschloss, das vom italienischen Barock geprägt ist. „Die Preußenkönige des 18. Jahrhunderts liebten römische Paläste. Sie holten sich mit dem Schloss einen Palazzo nach Berlin“, sagt Körner. Ein Jahrhundertwerk, das die Bildhauer heute kein bisschen weniger fasziniert. „All diese großartigen künstlerischen Details sind wichtig für das Spiel in der Fassade“, sagt Eckhart Böhm.

Für den 34-jährigen Steinbildhauer und Restaurator passt die Gliederung der Fassade perfekt zu Berlins historischer Mitte. Eben versucht Böhm, den Stoff eines Bandes am Helm eines Kriegers behutsam zu modellieren. „Wir schaffen hier kein Disneyland, wir erhalten all diese Werte für künftige Generationen.“ Manchmal arbeiteten sie bis tief in die Nacht. Steht ein Bett im Atelier? „Klar, hier kann man sich doch wohlfühlen.“

Matthias Körner tritt vor eine Staffelei, klemmt seine Dunhill-Kippe zwischen die Lippen, dann formt er den Westerwälder Ton, drückt, glättet, knetet die Masse, schenkt einem Wappen Perfektion. Auf der Staffelei steht das Relief einer Rüstung mit Helm und Schild, etwa eine Armlänge hoch. Es stammt aus der Bauphase des zweiten Schlossarchitekten Eosander von Göthe. Fertig in Ton gestaltet, muss das Wappen rasch von einer Pankower Stukkateurfirma abgeholt werden. Denn ungebrannter Ton trocknet schnell, reißt und schrumpft. Deshalb sind die Bildhauer jeden Tag mit Blumensprayern unterwegs. Sie halten ihre Werke feucht, bevor sie nach Pankow kommen, damit die Silikonform abgenommen und mit Gips ausgegossen werden kann. Gipsmodelle sind formstabil. Die fertigen, schneeweißen Reliefs und Skulpturen werden vorerst in einem Hochregallager in Marienfelde aufbewahrt. Dekorative Stücke, von denen sich ihre Schöpfer nicht trennen mögen, bleiben im Atelier.

Das Wappen im Stile Eosanders gehört dazu. Es ist ein Problemfall: Als Vorbild existiert nur ein unscharfes Schwarz-Weiß-Foto. In solchen Fällen beginnt für Körner ein „langsamer Findungsprozess“, er arbeitet sich an die Form heran. Er könnte es sich einfacher machen, aber „die Baugeschichte soll ablesbar sein“. Immer wieder geht er in die Hocke, prüft mit dunklen, forschenden Augen die Tiefe des Reliefs. Es hilft, dass Wappen oder Löwenköpfe oftmals in Serie die Schlossfassade schmückten. Und doch braucht Körner Erfahrung und Kreativität, weil keines dieser einst handgearbeiteten Stücke dem anderen vollkommen glich. Es muss „authentisch neu interpretiert“ werden, sagt er.

Ganz besonders eigenwillig waren die Adler. 47 von ihnen saßen oben im Hauptgesims des Schlosses, abflugbereit, dem preußischen Wahlspruch folgend: „Nec soli cedit“, nicht einmal der Sonne weicht er. Sie haben die Köpfe mit den kräftigen Federbrauen nach rechts oder links gewendet und die Flügel weit ausgebreitet – Spannweiten von bis zu 2,60 Metern. Etliche sind im Atelier in Ton wiederauferstanden, ausgestaltet bis zum kleinsten Federkiel. Sie hocken auf Regalen, als wären sie eben gelandet. In einer Tonne liegen Fragmente, Schnäbel, Krallen, Schwingen.

Matthias Körner zeigt auf seinen Lieblingsadler in der Mitte des Eosander-Triumphbogens, umrahmt von geflügelten Genien. Dieser Bogen von der einstigen Westseite des Schlosses ist schon in Gips gegossen, ein Jahr lang haben sie ihn modelliert und danach das Prachstück im Atelier aufgebockt. Um die Krallen des Adlers zucken aus Metall gefertigte, bronzene Blitze. „Die Blitze des Zeus, des mächtigsten Gottes im Olymp“, sagt Körner. Die Preußenkönige brachten viele solcher Bilder aus der Sagenwelt an die Schlossfassade. Sie wollten sich in die Nähe der griechischen Götter rücken.

Das komplette Bildprogramm der Schlossfassade wollen die Bildhauer in den kommenden Jahren im Maßstab eins zu eins wiederherstellen, mehr als 2000 Schmuckelemente an Fassaden von insgesamt 500 Metern Länge. Dabei können sie auf einen stattlichen Fundus von Vorlagen zurückgreifen. Das Schloss ist fotografisch gut dokumentiert. Architektonische Unterlagen sind in großem Umfang erhalten. Und es gibt ein anschauliches Vorbild Unter den Linden: das Zeughaus. Dessen Fassadenschmuck hat viel Ähnlichkeit mit dem Schloss, weil der Hofbildhauer König Friedrichs I., Andreas Schlüter, beide Gebäude gestaltete.

In diesen Schlüterschen Stil müssen sich die Bildhauer in den Uferhallen einfühlen. Dafür haben sie einen original Kriegerkopf aus dem Zeughaus ins Atelier geholt. Außerdem stehen ihnen Kunsthistoriker zur Seite sowie das auf Denkmalpflege spezialisierte Berliner Architekturbüro Stuhlemmer, nach dessen Vorgaben auch die klassizistische Fassade der Kommandantur und heutigen Bertelsmann-Residenz Unter den Linden rekonstruiert wurde. Fürs Schloss hat Stuhlemmer die historischen Planungsunterlagen ausgewertet – nun gibt das Büro den Bildhauern die Dimensionen eines jeden Objektes vor.

Mitten im Atelier steht eine üppige Frau: Borussia mit Zepter und Krone, die weibliche Allegorie auf Preußen. Monatelang haben sie an der einstigen Kolossalfigur des Schlüterhofes gearbeitet, gut zwei Tonnen Ton verbraucht. Borussia, sagt Matthias Körner lachend, sei keineswegs ein preußisches Urweib. Sie habe eine Vorgängerin im Petersdom. Es ist die Markgräfin von Canossa des Barockbildhauers Bernini Gian Lorenzo. Der italienbegeisterte Schlossarchitekt Andreas Schlüter suchte sich viele solcher Vorbilder in Rom. Auch die Engel aus der Gloriole des Petersdomes hat er auf die Gesimse des Berliner Stadtschlosses gesetzt.

Die Kerzen flackern. Matthias Körner träumt sich unterm Orangenbaum im Atelier hinein in die Sagenwelt seiner Figuren. Manchmal, sagt er, könne er es kaum erwarten, bis sie, in Stein gehauen, die neue Schlossfassade beleben und ein Stück Berlin-Geschichte erzählen. „Wer das Schloss später betrachtet“, sagt Körner, „soll sehen, woher wir kommen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben