Streit um die Kuppel : Das setzt dem Schloss die Krone auf

Der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses wird teurer – doch auf die Kuppel kann die Stadt auf keinen Fall verzichten. Von einem Jahrhundertbau ist die Rede. Kein Torso und kein Stückwerk kann damit gemeint sein.

Bernhard Schulz
313903_0_5e0a0ff6.jpg
Kuppel im Blickpunkt. Auf einer Postkarte um 1900.Foto: akg-images

Gerade eine Woche ist es her, dass das Oberlandesgericht Düsseldorf seinen überraschend eindeutigen Beschluss in Sachen Berliner Schlossbau zugunsten von Franco Stella gefasst hat. Der Vicentiner darf sich als Wettbewerbssieger vom November 2008 bestätigt fühlen. Der Blick richtet sich nun wieder auf die Inhalte: Was soll gebaut werden, was wird darin zu sehen sein, und was wird es kosten?

Der neue Bundesbauminister, Peter Ramsauer (CSU), befindet sich erkennbar noch in der Einarbeitungsphase, und dass er keinen Kenner von Architektur und Baupolitik als einen seiner immerhin vier Staatssekretäre berufen hat, dürfte sich noch als schwere Hypothek erweisen. Ramsauer hat sich schmallippig nur dahingehend geäußert, sich an den Wortlaut des Parlamentsbeschlusses zum Schlossbau zu halten: Nun könne das Schloss gebaut werden, „so wie es der Deutsche Bundestag beschlossen hat.“

Die Abgeordneten hatten bekanntlich am 4. Juli 2002 mit einer beeindruckenden Zweidrittelmehrheit als Vorgabe für den Wettbewerb entschieden, die drei Fassaden des Schlüter-Eosander’schen Schlosses sowie den kleineren der beiden Innenhöfe, denjenigen des anfänglichen Baumeisters Andreas Schlüter, zu rekonstruieren. Den Wiederaufbau der Kuppel über dem Eosanderportal an der Schlossfreiheit hingegen erwähnten sie als lediglich wünschenswerte Möglichkeit ebenso wie die historisch getreue Rekonstruktion wichtiger Innenräume.

Diese Geste der Gestaltungsfreiheit wendete der Ende Oktober aus dem Amt geschiedene Minister Wolfgang Tiefensee (SPD) gegen die Parlamentarier, indem er jede über deren Kernvorgaben hinausgehende Einzelheit mit einer Preisliste versah. Extrawünsche müssten extra bezahlt werden. Die 552 Millionen Euro, auf die die Abgeordneten die Baukosten gedeckelt hatten, würden bis auf den letzten Cent für den Bau von Humboldt-Forum und Agora benötigt, schließlich sollen ja auch die historischen Fassaden allein aus dem von den Schlossfreunden zugesicherten Spendenaufkommen in Höhe von 80 Millionen Euro bezahlt werden. Was Tiefensee wenige Tage vor seinem Abgang präsentierte, war ein „Schloss light“, ohne durchfinanzierte Fassaden, aber vor allem ohne Kuppel und historische Innenräume. Von den seit dem Wettbewerb aufgeworfenen Problemen der im Boden steckenden Schlossfundamente sowie der Unterfahrung durch die künftige U-Bahnlinie 5 war gleich gar nicht die Rede. Die Gesamtkosten des Schlosses werden, wie man es auch dreht und wendet, bei 552 Millionen Euro nicht Halt machen. Das ist allen Beteiligten klar, auch wenn darüber öffentlich nicht gesprochen wird. Intern wird bereits eine Marge von 700 Millionen Euro genannt.

Von einem Jahrhundertbau ist oft die Rede. Kein Torso und kein Stückwerk kann damit gemeint sein, sondern das Schloss in jenem Bilde, wie es sich seit seiner Vollendung Mitte des 19. Jahrhunderts darbot: als ein gewaltiger Block in römischem Barock, dem die als Triumphbögen ausgebildeten fünf Portale, vor allem aber die elegant vom Achteck zum Vollrund überleitende Kuppel über der Westfassade Rhythmus und Proportion verliehen. Die Vollständigkeit des Bauwerks lässt sich nicht nach dem Baukastenprinzip addieren.

Stella will aus gutem Grund die Außenwände des Gebäudes als ein meterdickes Mauerwerk ausgeführt wissen, damit „die Fassaden nicht wie ein aus tausend Stücken zusammengesetztes Kleid wirken, dass man über ein Stahlskelett hängt“, wie er in einem italienischen Interview erklärte.

Die Kuppel, so die Überlegung der Ministerialen, soll zunächst nur als Tragwerk ausgeführt werden. Ihre vollständige Verkleidung nach dem authentischen Vorbild Friedrich August Stülers aus den Jahren 1841-1853 wird mit 15 Extra-Millionen veranschlagt. Im Falle der Kuppel ist ein solches Vorgehen gerechtfertigt, hat doch auch Stüler ein damals hoch modernes, schmiedeeisernes Skelett errichtet. Das Innere der Kuppel barg die Schlosskapelle, an deren Gestaltung der Byzanz-begeisterte König Friedrich Wilhelm IV. maßgeblich beteiligt war. Allerdings hatte bereits Eosander von Göthe, der Nachfolger Schlüters als Schlossbaumeister, in seinem Entwurf von 1713 eine Kuppel vorgesehen. Eine solche Bekrönung der Mittelachse des Schlosses ist mithin keine Zutat, sondern ein integraler Bestandteil der herrscherlichen Schlosskonzeption.

Das Portal unterhalb der Kuppel, das nach Stellas mittlerweile überarbeitetem Entwurf unmittelbar in eine für 2000 Sitzplätze ausgelegte Veranstaltungshalle mündet, müsste, um dieses Konzept anschaulich zu machen, auch auf seiner Innenseite rekonstruiert werden. Dafür werden 10 Millionen Euro Zusatzkosten geltend gemacht. Und so geht es weiter, mit „Gigantentreppe“ und seitlichen Treppenhäusern. Die Rekonstruktion historischer Innenräume lässt sich im Einzelnen noch gar nicht beziffern. In der Münchner Residenz sind über ein halbes Jahrhundert hinweg zahlreiche Räume wiedererstanden, die dem Gebäudekomplex seinen heutigen Charakter lebendiger Geschichtlichkeit verleihen. Dresden hat mit dem prachtfunkelnden Grünen Gewölbe eine ebensolche Leistung vollbracht.

Doch in Berlin ist ohne die Kuppel alles – nichts. Sie ist innerhalb des Stadtbildes der Mittelpunkt des Schlosses. Der Vergleich zum Reichstagsgebäude drängt sich auf. Norman Foster sah in seinem Entwurf keinerlei Überkuppelung vor; erst das Parlament erlegte sie ihm auf. Und Foster fand die geniale Lösung, die den Reichstag als Sitz des Bundestages sinnfällig macht: die gläserne Kuppel als Ausdruck der Volkssouveränität. Das lässt sich beim Schloss nicht wiederholen; schließlich wird hierhin nicht der Souverän seine Vertreter entsenden, sondern die Hauptstadt ihren urbanen Mittelpunkt zurückgewinnen. Gleichwohl ist die Reichstagskuppel nur zu verstehen als die parlamentarische Antwort auf die Stüler’sche Kuppel des Hohenzollern-Schlosses. Beide halten einander die Waage.

0 Kommentare

Neuester Kommentar