Wettbewerbsentwürfe : 30 Schlösser im Palais

Im Beisein Franco Stellas wurde die Ausstellung mit den Wettbewerbsentwürfen eröffnet. Aus den strikten Vorgaben für den Bau des Humboldt-Forums haben 30 Architekturbüros ansehnliche Ideen geformt.

Bernhard Schulz
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Der Entwurf von Reimar Herbst Architekten aus Berlin ist deutlich moderner. -Foto: promo

Der Kampf um den Wiederaufbau des Schlosses ist mit harten Bandagen ausgefochten worden. Als dann am vergangenen Freitag die Entscheidung für den Italiener Francesco Stella fiel, waren Überraschung und Erleichterung deutlich zu spüren: Überraschung, dass keiner der Großmeister das Rennen gemacht hatte, und Erleichterung, dass es offensichtlich möglich war, aus den strikten Wettbewerbsvorgaben des Bundestages ansehnliche Architektur zu gewinnen.

Wie ansehnlich, das lässt sich von heute an im Kronprinzenpalais Unter den Linden in Augenschein nehmen, das – Ironie der Geschichte – selbst eine Nachkriegsreplik der DDR darstellt. Übersichtlich ist die Ausstellung gestaltet, es sind ja im Grunde auch nur diejenigen 30 Architekturbüros ausführlich zu besichtigen, die in die zweite Phase, also die engere Wahl gekommen waren und zwischen denen dann die überraschend einstimmige Wahl Stellas ermittelt wurde. Neben dem Italiener als erstem Preisträger gibt es keinen zweiten, wohl aber vier dritte Preise, dazu zwei Ankäufe – so etwas wie der Trostpreis eines Architekturwettbewerbs – und einen Sonderpreis.

Dieser Sonderpreis hat beinahe ebenso viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie der Sieger selbst, auch wenn Bundesbauminister Tiefensee keinen Zweifel daran gelassen hat, dass er Franco Stella dem Bundestag als Entwurfsarchitekt vorschlagen wird. Eine formale Verpflichtung für die Beauftragung des Preisträgers gibt es, was schon bei so manchen Wettbewerben für böses Blut gesorgt hat, nämlich durchaus nicht.

Aber das Berliner Büro Kühn Malvezzi als Träger des Sonderpreises kann sich damit trösten, einen weiteren Riesenschritt auf seinem bislang schon bemerkenswerten Karriereweg getan zu haben. Ihr Entwurf schied für die Qualifikation zu einem der Hauptpreise von vorneherein aus, hatten doch Johannes Kühn, Wilfried Kühn und Simona Malvezzi – so das Trio mit vollen Namen – weder auch nur die Möglichkeit der Wiederherstellung der Schlosskuppel vorgesehen noch auf zumindest lange Zeit hinaus die Rekonstruktion der schlüterschen Barockfassaden. Aber ihr Entwurf zeigt eben, wie man auf höchst intelligente Weise mit der jedenfalls bei jüngeren Kollegen ungeliebten Geschichte umgehen kann, ohne sie von vorneherein als kleingeistig-spießigen Kram zu denunzieren. Das gewaltige Schloss – die Größe, „Kubatur“ genannt, war gleichfalls vorgegeben – wollten sie „zunächst als feinen Sichtziegelbau in der Art der Seitenfassaden von Schinkels Neuer Wache“ ausführen, ehe später mit der teilweisen Anbringung von „Fassadenornamenten begonnen werden“ sollte, „wenn die dafür notwendigen Steinelemente zur Verfügung stehen“. Das hätte natürlich bedeutet, dass die der übergroßen Bundestagsmehrheit von 2002 so wichtige Wiederherstellung von Schlüters skulpturaler Bildhauerkunst auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben worden wäre. Und die Kuppel hätte es nie gegeben, denn dort sehen Kühn Malvezzi ein geschwungenes Glasdach vor, das sie einen „Baldachin“ über einem „der Stadt zugewandten wettergeschützten Versammlungsraum“ nennen.

Ganz klar, das Schlüterschloss wäre dieser Bau nun wahrlich nicht geworden; aber immerhin doch eine geistige Auseinandersetzung mit dem Berliner Erbe, wobei die Einflechtung Schinkels, des Wiederbergünders eines „einfachen“, ja spartanischen Bauens mit dem ortsüblichen preußischen Material des Ziegelsteins ein intelligenter Gedanke ist. Schön anzusehen im Obergeschoss des Kronprinzenpalais, und gewiss Ausgangspunkt für noch manche Diskussion.

Das lässt sich von den übrigen prämiierten Entwürfen nicht in gleichem Maße behaupten. Merkwürdig, dass der Mehrzahl von ihnen etwas Schweres anhaftet, was wohl dem enormen Raumprogramm geschuldet ist, das es – vor allem in dem zur beliebigen Überbauung freigegebenen Eosanderhof – unterzubringen gilt (Sieger Stella hat sich dafür ja den Geniestreich zweier kleinerer Blöcke ausgedacht). Und zum anderen sind die Kuppellösungen überwiegend missglückt. Da hat Norman Fosters Beispiels mit seinem frei erfundenen Reichstags-Glasei offenbar eher lähmend gewirkt. Dabei war Friedrich August Stülers Kuppel, für sich genommen durchaus kein Jahrhundertwerk, die absolut passende und vor allem auch optisch notwendige Vollendung des Schlossmassivs. Nur der Frankfurter Christoph Mäckler hat die Kuppel auch auf der Innenseite mit ihrem mächtigen Partalunterbau vollständig rekonstruiert.

Und der spreeseitige Flügel, der als einzige nicht-schlütersche Fassade frei entworfen werden durfte? Ach je. Da hat sich auch die prämiierte Architektengilde schwergetan. Mit einer Ausnahme: Sergej Tchoban. Der Berliner aus St. Petersburg, Absolvent der dortigen Akademie, hat einfach eine vierte Schlüterfassade hinzugefügt, abgetreppt zum Wasser hin mit Cafés. Als wollte er uns sagen: Über den Baumeister des Barock, Andreas Schlüter, kommen wir alle nicht hinaus.

Was, wie man beim Gang durch die leider nur bis zum 21. Dezember gezeigte Ausstellung sagen möchte, eben doch nur zu beweisen war.

Kronprinzenpalais Unter den Linden 3, täglich geöffnet von 12 bis 20 Uhr

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