Berlin : Schlusspfiff oder Frühwarnsystem

Claudia Keller

Ein DIN-A4-Papier mit Brief und Siegel. Davon hängt alles ab. Zumindest für die 35 000 Berliner Sechstklässler, die heute das Halbjahreszeugnis plus eine Empfehlung für die weiterführende Schule bekommen. "Es ist das entscheidende Zeugnis für die Zukunft des Kindes. Da hat die Klassenkonferenz immer lange gebrütet", sagt der Leiter der Vineta-Grundschule in Mitte, Roland Barth. Dieses Jahr ist die Entscheidung in vielen Fällen einfacher geworden. Zum ersten Mal haben die Lehrer für die Empfehlung nicht mehr nur ein allgemeines Lernprofil des Kindes erstellt, sondern ein Grundschulgutachten nach Noten. Das Halbjahreszeugnis in der sechsten Klasse wurde dafür aufgewertet: Es zählt doppelt.

Und fest steht: mit einem Durchschnitt von bis zu 2,2 ist der Weg ins Gymnasium geebnet. Ideal ist aber auch das neue Gutachten nicht, sagt Ralf Treptow. Er leitet das Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow und ist der Meinung: "Es ist gut, dass es endlich klare Kriterien für die Empfehlungen gibt, aber die Kriterien sind viel zu weich." Den Hauptfächern Mathe und Deutsch werde viel zu wenig Bedeutung beigemessen. Und so könne es passieren, dass ein Kind mit einer 4 im Rechnen und einer 5 im Schreiben aufs Gymnasium kommt, weil es in den Nebenfächern gut ist. Ein Unding, meint Treptow. An den Rat der Grundschulen müssen sich die Eltern nicht halten. In den letzten Jahren hätten die Grundschulempfehlung allerdings eine sehr hohe Trefferquote erzielt, sagt Grundschulleiter Barth. Wer vor einem halben Jahr den Sprung aufs immer heißer begehrte Gymnasium geschafft hat, muss heute schon wieder zittern. Für 37 000 Siebtklässler ist um 12 Uhr klar, ob sie das Probehalbjahr bestanden haben.

Aber zittern Kinder heute überhaupt noch vor dem Zeugnis? "Mutti, fahren wir auch dann in den Skiurlaub, wenn das Zeugnis diesmal nicht so gut wird?" habe ihre Tochter, die kleine Anna, schon am Anfang der Woche gefragt und seitdem jeden Tag, erzählt eine Mutter. Ob da heute die große Überraschung kommt? Berliner Lehrer sind einhellig der Meinung: Wenn das Zeugnis tatsächlich eine Überraschung ist, dann ist etwas schief gelaufen. Bernd Schönenberger vom Ossietzky-Gymnasium in Pankow sagt: "Wir sprechen ständig mit den Schülern und warnen sie und die Eltern eher zu viel als zu wenig, und das schon sehr früh im Schuljahr." Außerdem würden immer mehr Schüler selbst auf die Idee kommen, mal nachzufragen, wie es um sie steht.

Wer nicht gerade in der sechsten oder siebten Klasse steckt, hat aber heute nicht allzu viel zu befürchten. Denn anders als in anderen Bundesländern zählt in Berlin das erste Halbjahr nicht für das Zeugnis am Ende des Schuljahres. Viele Schüler nehmen es deshalb auch nicht so ernst. "Und kommen dann aber ab April ganz schön ins Schleudern", sagt Schönenberger. "Wer im ersten Halbjahr nichts gelernt hat, kommt auch im zweiten nicht mit." Ein Signal ist das Zeugnis allemal. Nicht nur für die Schüler und ihre Eltern. Elisabeth Willkomm, die Vorsitzende des Landesschulbeirates, wünscht sich, dass auch die Lehrer das Halbjahreszeugnis als Gradmesser auffassen. Als Gradmesser für die eigene Leistung nämlich.

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