Berlin : Schmieren und stechen

Als sie die S-Bahn bemalten, griff Lehrer S. ein – und wurde niedergestochen. Gestern begann der Prozess

Kerstin Gehrke

Der Mittfünfziger schlendert auf den Saal 817 im Landgericht zu. Er ist das Opfer und der Zeuge. Er hat auf dem S-Bahnhof Steglitz einen Graffiti-Schmierer festgehalten und wurde plötzlich von hinten mit einem Schraubendreher niedergestochen. Aber eingeschüchtert ist er deswegen nicht. Er werde wieder etwas sagen, wenn er eine Spray-Aktion sehe, sagt Karlheinz S. gestern auf dem Flur des Landgerichts. „Die Jugendlichen wissen manchmal gar nicht, was wir gut oder schlecht finden“, sagt er. Was ihm vor vier Monaten daraufhin widerfuhr, hält der Lichterfelder Berufsschullehrer für eine Ausnahme.

Für diese Ausnahme muss sich seit gestern vor einer Jugendstrafkammer der 17-jährige Tilo K. (Name geändert) verantworten. Die Staatsanwaltschaft geht von einem versuchten Mord aus. Tilo K. soll auf dem S-Bahnhof Rathaus Steglitz auf Karlheinz S. eingestochen haben, um zu verhindern, dass sein Kumpel nach einer Graffiti-Schmiererei geschnappt wird. Heimtücke wirft ihm die Anklage vor. Mit dem Angriff habe er zudem eine Straftat verdecken wollen. Der Prozess gegen Tilo K. findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Gegenüber den Richtern soll der Jugendliche sein Geständnis aus dem Ermittlungsverfahren wiederholt haben. „Er bestreitet nicht, zugestochen zu haben“, sagt sein Verteidiger am Rande der Verhandlung. Doch Tilo habe den Mann nicht töten wollen. „Eine richtige Erklärung für die Tat hat er nicht.“ Es könne ein „Ausraster“ gewesen sein. Tilo gehöre auch nicht zur Graffiti-Szene. „Er bereut die Tat, er ist bislang noch nie mit der Justiz in Berührung gekommen, ist familiär eingebettet, hatte eine Tischlerlehre in Aussicht“, führt der Anwalt, der eine Verurteilung wegen Körperverletzung erzielen will, für seinen Mandanten ins Feld.

Dem 56-jährigen Karlheinz S. und seiner Ehefrau war in der Nacht zum 16. Juli gegen 0.55 Uhr aufgefallen, dass ein Jugendlicher mit einem schwarzen Stift gerade einen Waggon beschmierte. Zunächst habe seine Frau den jungen Mann angesprochen, erinnert sich der Berufsschullehrer. „Ich hielt nach dem Bahnhofspersonal Ausschau.“ Als der Jugendliche beleidigend wurde, habe er ihn festgehalten. Dann habe er „einen Stich von hinten bekommen.“ Tilo K. rammte den langen Schraubendreher, den er angeblich nach der Reparatur eines Fahrrades zufällig in der Tasche hatte, bis zum Anschlag in den Rücken des Lehrers. Zweieinhalb Wochen lag Karlheinz S. im Krankenhaus. „Es geht mir wieder recht gut. Die Ärzte meinten, alle Schutzengel in Steglitz hätten mir beigestanden“, sagt er kurz vor seiner Aussage im Prozess. Tilo hat sich bereits per Brief bei Karlheinz S. entschuldigt. „Er hat keine Ausreden gesucht, das fand ich in Ordnung“, sagt das Opfer. Der Fall sei ein Beispiel für Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen und für Zivilcourage, erklärt der zuständige Staatsanwalt. Bereits knapp zwei Wochen nach der Tat wurde Anklage gegen K. erhoben – „um ein Zeichen zu setzen“. Der Prozess wird fortgesetzt.

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