Berlin : Schmierentheater ohne Ende

Täglich rücken in den Bezirken die Mitarbeiter aus, um Denkmäler zu reparieren – nur um am nächsten Morgen die neuesten Zerstörungen zu entdecken

Katja Füchsel

Der weiße Rauschebart ist ab. Doch es dürfte nur eine Frage der Zeit sein bis sich wieder jemand an Marx und Engels vergreift, mit den Denkern seine Späße treibt: „Wir sind unschuldig“, stand bereits auf ihrem Sockel. „Beim nächsten Mal wird alles anders.“ Und: „Tut uns leid – war nicht so gemeint.“

Für die Berliner Denkmalämter ist es die Arbeit des Sisyphos: Täglich schwärmen die Mitarbeiter in den Bezirken aus, um Stein und Stahl von Farbe zu befreien um Brunnen und Statuen zu reparieren – nur, um am nächsten Morgen das neueste Geschmiere zu entdecken. Da bekommen die steinernen Löwen im Tiergarten rote Krallen, Werner von Siemens eine schwarze Brille oder der Alte Fritz gleich mehrere Farbbeutel verpasst.

Kein Wunder, dass sprayende Vandalen, Friedensaktivisten, Komiker und Künstler in den Denkmalämtern nicht sonderlich gelitten sind. „Das war nicht in Ordnung“, heißt es etwas säuerlich im Rathaus Mitte zur letzten Aktion mit Marx und Engels. Wie berichtet, hatten junge Künstler dem Denkmal am Sonntag ein weißes Ganzkopf-Toupet verpasst. Zur Freude der Touristen, zum Ärger der Beamten. Immerhin: Arbeit oder Kosten hat die Aktion dem Bezirk nicht bereitet, denn am Abend zog die 33-jährige Künstlerin die Filzperücke einfach wieder ab. „Ich wollte einem vergessenen Denkmal neues Leben geben“, sagt Elke Reinhuber.

Die gute Nachricht: Das Standbild des Alten Fritz, das bei einer Friedensdemo beschmiert und erst kürzlich wieder gereinigt worden ist, erstrahlt noch immer im alten Glanz. Die schlechte: Das wird vermutlich nicht so bleiben. „Friedrich II. ist bei den Vandalen sehr beliebt“, sagt Christine Wolf vom Landesdenkmalamt. Das dürfte auch für das bereits oft gesäuberte Brandenburger Tor gelten, das Ernst-Thälmann-Denkmal, das Goethe-Denkmal im Tiergarten, das Nationaldenkmal auf dem Kreuzberg…

In Mitte zählen rund 2000 Denkmäler zur Bestandsliste. Tendenz in Sachen Vandalismus? „Gleichbleibend hoch“, sagt Amtsleiter Klaus-Jürgen Ahrens. Pankow gibt beispielsweise jährlich mehr als 300000 Euro aus, um Vandalismusschäden zu beseitigen. Dazu zählen aber auch die Reparaturen in Parks und auf Spielplätzen, von zerstörten Papierkörben und zerbrochenen Bänken. Allein das immer wieder beschmierte Thälmann-Denkmal an der Greifswalder Straße kostete den Bezirk im letzten Jahr 20000 Euro.

Eine Art Dauerbrenner hat auch Neukölln vorzuweisen: den Märchenbrunnen im Schulenburgpark an der Sonnenallee. Auf dem unter Denkmalschutz stehenden und aus vielen Jugendstilelementen bestehenden Brunnen werden immer wieder Putten, Figuren und Türme abgebrochen. 20000 Euro kostete das den Bezirk im vergangenen Jahr.

Vielleicht sollte man es pragmatisch wie Professor Dietrich Briesemeister halten, Direktor des Ibero-Amerikanischen Instituts. Als vor fünf Jahren Vandalen beim neu aufgestellten Standbild des südamerikanischen Freiheitshelden Simon Bolivar den Säbel abknickten, zeigte sich Briesemeister nicht sonderlich überrascht. „Das war ja vorauszusehen.“ Den abgebrochenen Teil wieder anzuschweißen, darin sah der Professor wenig Sinn. Vielleicht später mal, wenn die Zeiten sich gebessert haben.

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