Berlin : Schnäppchen vorm Frühstück

Ab sechs Uhr morgens im Elektronikmarkt: Protokoll einer Neu-Eröffnung

Marc Neller

Wäre dieser Donnerstagmorgen ein reales Abbild des deutschen Einkaufsverhaltens, niemand müsste sich sorgen um den Wirtschaftsstandort D.

Zwanzig vor sechs. In der Wilmersdorfer Straße stehen hunderte Menschen vor einer Glastür. Der Raum dahinter hat den Charme einer unfertigen U-Bahnstation. Aber um ihn geht es nicht, sondern um das Untergeschoss. Dort eröffnet gleich eine Media-Markt-Filiale.

Ein Mann, Anfang fünfzig, und sein Sohn unterhalten sich in der Warteschlange über frühere Streifzüge durch sagenhafte Schnäppchen-Länder. „Letztens der Staubsauger..., 50 Euro.“ Der Sohn nickt anerkennend. Dann, Punkt sechs, geht die Glastür auf. Der Eingang ist zu deutlich zu eng für hundert Menschen, die gleichzeitig hindurch wollen.

Ein Pärchen Anfang zwanzig ist unter den ersten Besuchern. Es sucht einen CD–Wechsler fürs Auto. Nach einer Viertelstunde geht es, ohne Karton unterm Arm. Ein Anblick mit Seltenheitswert. Eine Stunde später wird eine neue Palette mit Bodenstaubsaugern für 29 Euro angekarrt werden. Viertel sieben, Stau in der Handyabteilung, in der Gegend um die Plasmafernseher und die Digitalkameras. Es empfiehlt sich, diese Bereiche mit dem Einkaufswagen weiträumig zu umfahren. Die Magistralen, die auf die Hauptkassen zuführen, sowieso. Ein Mann, schwarze Lederjacke, schütteres Haar, hat es mit seinem schulterhoch bepackten Wagen bis vor die Kasse geschafft. Er überlegt es sich anders und schert aus der Warteschlange aus. Zehn Minuten da, rappelvoller Wagen – lief doch gut bisher.

Ein Gleisarbeiter der Bahn hat seine Frühstückspause vorverlegt, um einen DVD-Player zum Preis von 69 Euro zu kaufen. Der Mann mit der Lederjacke verliert den Turm-Rekord. Ein Ehepaar schiebt einen Wagen durch die Staubsaugerabteilung, er reicht über beider Kopf. So geht sie, die Jagd aller Jagden.

Und wen man fragt, warum man um diese Uhrzeit in einem Elektronikmarkt einkaufen muss – die Antworten gleichen sich: Super-Angebote! Wer weiß, wie lange die gelten? Für Michael Malessa bedeutet das, seine Strategie verfängt. Malessa ist geschäftsführender Gesellschafter und Marketing-Chef der Filiale. Mit den ersten Stunden sei er zufrieden. Kann er auch. Die Kassen piepen in einem fort. Und 190 Mitarbeiter, die heute herbestellt sind, haben ihr schönstes Lächeln angeknipst. Glücklich ist Malessa aber noch nicht. Vor anderen Filialen hätten Kunden vor einer Eröffnung gezeltet. „Trotzdem streben wir einen neuen Eröffnungsrekord an.“ Heißt: mehr Umsatz als je eine andere deutsche Media-Markt- Filiale am Eröffnungstag.

Scheinbar muss der Rekord nicht unter allen Umständen her: An einer Kasse weisen zwei Aufseher einen Mann ab. 20 MP3-Player, 17 Telefone, 30 Computer-Mäuse – das sei zu viel: „Nur handelsübliche Mengen, sonst finden wir das Zeug morgen bei Ebay.“ Der Abgewiesene versteht das nicht und schimpft: „Kaufen und verkaufen, Mann, so läuft das Geschäft halt.“ Der Kunde lässt sich von seinem Geschäftsmodell nicht abbringen. Hartnäckig versucht es schließlich an anderen Kassen – mit kleineren Mengen.

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