Berlin : Schnaps auf dem Spielplatz: Kinder greifen zur Flasche

ANNETTE KÖGEL

Alkohol ist Jugend-Droge Nummer 1 / Schon Grundschüler trinken HochprozentigesVON ANNETTE KÖGEL BERLIN.Auf Spielplätzen konsumieren Dreizehnjährige Schnaps oder Bier, und schon Grundschüler trinken heimlich Hochprozentiges - Alkohol ist bei Jugendlichen die legale Droge Nummer 1.Der jetzt vorgelegte Bericht der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren betrifft gerade auch die jüngeren Berliner.In der Altersgruppe der 15- bis 17jährigen greifen vor allem junge Ost-Berliner zur Flasche, Schülerinnen aus den West-Bezirken trinken häufiger als ihre Altersgenossen im Ostteil.Alkoholisches ist überall zu haben: Läden mißachten mitunter die gesetzlichen Verkaufsbeschränkungen.Zudem schenken Jugendfreizeitheime in zwei Dritteln aller Bezirke bei Veranstaltungen Wein, Bier und Sekt aus. "Alkohol als legales und gesellschaftlich akzeptiertes, potentielles Suchtmittel findet auch bei Kindern und Jugendlichen große Zustimmung", heißt es in dem letzten großen Statistik-Bericht der Gesundheitsverwaltung von 1995 "Zur gesundheitlichen Lage von Jugendlichen in Berlin unter Berücksichtigung der Schulentlassungsuntersuchungen 1991/1992".Demnach kommen Kinder immer früher mit Alkohol in Berührung: Jedes dritte hat bis zum 10.Lebensjahr Wein, Bier, Sekt oder Likör probiert.Nach dem Drogen- und Suchtbericht 1996 der Jugendverwaltung trinken bereits 3,2 Prozent aller 15- bis 17jährigen Jungen im Ostteil regelmäßig Alkohol, im Westteil sind es 0,8 Prozent.Bei den Mädchen sind es im Westteil 2,4, in den Ost-Bezirken 1,8 Prozent.Nach Angaben der Landesdrogenbeauftragten Elfriede Koller gibt es in der Altersgruppe der 18- bis 24jährigen einen erheblichen Zuwachs: Während noch 44,4 Prozent der 15- bis 17jährigen im Westteil und 58,8 Prozent im Ostteil angeben, abstinent zu leben, sind es bei den 18- bis 24jährigen nur 22,1 (Westteil) und 18,1 Prozent (Ostteil).In welchen Altersgruppen es Zuwächse oder Rückgänge gegeben hat, ist anhand der vorliegenden Statistiken indes nicht festzustellen, bestätigte die Landesdrogenbeauftragte.So fanden in den Vorjahren nur punktuelle Untersuchungen statt, die man wegen der unterschiedlichen Interviews nicht in Beziehung setzen kann.Koller: "Hier gibt es in der Stadt ein Forschungsdefizit." Eine Langzeitstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergab für die Jahre 1973 bis 1993 bundesweit einen Rückgang beim Alkoholkonsum bei Jugendlichen. Dieser Trend hat sich nach Umfragen bei Beratungsstellen, Jugendfreizeitheimen und Streetworkern für einige Bezirken offenbar in einigen Bereichen umgekehrt."Das Alter der Konsumenten ist runtergegangen", bestätigt "Gangway"-Straßensozialarbeiter Theo Fontana, der seit Jahren mit Jugendlichen in Marzahn arbeitet: "Trinken ist ein Mittel zum Zeitvertreib und erzeugt ein Zusammengehörigkeitsgefühl." Streetworker-Kollege Stefan Schützler, Hohenschönhausen: "Bei uns ist es inzwischen für Dreizehnjährige normal, Bier zu trinken." Den gleichen Trend verzeichnet zudem eine Studie der Gesundheitsverwaltung von 1995. Auch Mitarbeiter einer der größten Alkoholiker-Selbsthilfeorganisationen, vom "Guttempler-Orden", bestätigen diesen Eindruck.Durch ihre Aufklärungsgespräche in Schulen (Infos: Telefon 682 37 620 / 1) sind Jürgen Schmidt und Gerhardt Thulcke davon überzeugt, daß der Konsum "sehr stark steigt".Thulcke: "Alkohol ist eine billige, legale Droge, die Jugendliche überall bekommen." Einige Läden verstießen gegen das Jugendschutzgesetz, nach dem Alkoholika nicht an unter 16jährige verkauft werden dürfen."Am Kiosk und im Supermarkt wird zu wenig nach dem Alter gefragt", kritisiert auch Matthias Apel vom Drogenreferat der Jugendverwaltung. Unterdessen bestücken öffentliche Jugendclubs vor allem im Ostteil - wie früher in der DDR üblich - bei Feten am Wochenende ihre Bar mit Bier, Sekt und Wein."Der Konsum wird stillschweigend akzeptiert, das geht zu weit", sagt ein Vater aus Marzahn.Die Landesdrogenbeauftragte kann und will keine Weisungen erteilen ("Das ist Bezirkssache").Frau Koller warnt jedoch vor einer Gewöhnung an legale Drogen durch den Club-Verkauf und durch "gesellschaftliche Initiationsriten wie das erste Glas Sekt zur Konfirmation".Mitarbeiter von Ost-Berliner Jugendclubs, die die Arbeit früher durch den Alkohol-Verkauf mitfinanzierten, argumentieren, durch eine abstinente Arbeit verschließe man sich gewissen Jugendlichen."Freizeitheime schließen immer gewisse Gruppen aus", hält Matthias Apel dagegen. In Neukölln herrscht in allen Jugendclubs Alkoholverbot.Jürgen Marx vom Jugendfreizeitheim Grenzallee: "Wir wollen Glücksgefühle und Gemeinschaftserlebnisse auch so ermöglichen." Jugendstadtrat Heinz Buschkowsky (SPD) würde das Verbot indes zu bestimmten Zeiten gern lockern.Er hofft auf eine bessere Club-Nutzung durch Familienfeiern oder auch Volkshochschulkurs-Feten.

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