Berlin : Schneller durch den Problemkiez

Der S-Bahn-Ring hat Wedding und Moabit noch keinen Aufschwung gebracht

Thomas Loy

Celiker Ramazan vom Handy- und Geschenke-Laden an der Reinickendorfer Straße findet den S-Bahn-Verkehr nicht weiter schlimm. „Stört mich nicht“, sagt er und stochert weiter in den Innereien eines Mobiltelefons. Die Frage war eigentlich, ob ihm die S-Bahn das Geschäft erleichtert, mehr Kunden bringt und mehr Gewinn. Ramazan zuckt die Schultern. „Bin erst drei Monate hier. Der Laden stand leer.“ Da hat er eben sein Geschäft aufgemacht.

Die Lückenschließung des S-BahnRings am 15 . Juni 2002 war ein großer Freudentag für die Berliner. Für die Weddinger auch. Immerhin bekamen sie drei schöne neue Bahnhöfe. Nur die Weddinger Geschäftsleute begegnen der neuen Verkehrsanbindung eher mit Desinteresse. Die Ringbahn bringt viele Menschen, aber kaum neue Kunden. Das Gros der Fahrgäste ist nur auf der Durchreise. „Die hechten von der U-Bahn direkt in die S-Bahn“, sagt Manfred Albrecht, der an der südlichen Müllerstraße seit 25 Jahren Platten und CDs verkauft. „Das sieht hier immer noch zu ramschig aus.“ Auch der Apotheker und der Babyausstatter weiter nördlich haben noch keinen Aufschwung bemerkt.

Der S-Bahn-Ring, die große Schlagader des öffentlichen Nahverkehrs, pulsiert mit sehr unterschiedlicher Kraft. In den Stationen Beusselstraße und Westhafen ist der Strom der Fahrgäste relativ dünn – täglich steigen etwa an der Beusselstraße nur 11 000 Menschen ein und aus. Am neuen Bahnhof Gesundbrunnen sind es dagegen 100 000, künftig wird sogar mit doppelt so vielen Fahrgästen gerechnet.

Dort wird weiter erheblich investiert. Neben dem Gesundbrunnen-Center und der frisch sanierten „Gartenstadt Atlantic“ wird jetzt auch das Gelände südlich der S-Bahntrasse als Einzelhandelsstandort entwickelt. Ähnliche, kleiner dimensionierte Projekte gab es auch am S-Bahnhof Wedding, sie wurden aber nicht realisiert. Die Müllerstraße als Einkaufsmagnet endet weiterhin bei Karstadt am Leopoldplatz. Der Ticket-Verkaufsschalter im neuen S-Bahnhof wurde mangels Nachfrage wieder dichtgemacht.

Nach Ansicht von Dirk Lambrecht, Wirtschaftsstadtrat im Bezirk Mitte, ist es noch zu früh, um nach Wirkungen der Ringbahn auf Gewerbe und Wohnungsmarkt in Wedding und Moabit zu suchen. „Vielleicht sind in fünf Jahren Impulse zu erkennen.“ Dennoch sei die Ringbahn ein „wichtiges Infrastrukturmerkmal“.

So sieht das auch Willy Achter von der Stadtteilgenossenschaft Wedding, die besonders im Sprengelkiez aktiv ist. „Wir sind ideal mit U 6, U 9 und S-Bahn angebunden. Zum neuen Hauptbahnhof sind es mit dem Fahrrad nur fünf Minuten. Damit kann man werben.“ Doch die negativen Faktoren – hohe Arbeitslosigkeit, hohe Ausländerquote, geringe Kaufkraft – überschatten bislang die gute Infrastruktur. Und warum Ringbahnnutzer, seien es nun Touristen oder Berliner, gerade in Wedding einen Stopp einlegen sollten, kann Achter auch nicht beantworten. „Wir werden vielleicht mal Bahnhofsviertel sein.“ Wobei er sich nicht sicher ist, ob das ein gutes oder eher schlechtes Omen ist.

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