Berlin : Schnipp und weg

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Von Tobias Arbinger

Nach deutschem Reglement müsste eigentlich mit dem Zeigefinger geschnippt werden, Handballen auf dem Boden. Der Franzose Benji Tarain, 20 Jahre und Murmel-Profi, bevorzugt hingegen die „Daumenvariante“ - dabei zeigen die Knöchel nach unten. „Schnipp“, macht Benji, die Murmel kullert einen kleinen Sandhügel hinauf und bleibt oben liegen. „So kann man besser zielen“, sagt er.

Und gut zielen muss man bei den Berliner Qualifikationswettkämpfen für die Murmel-WM im französischen Royan, sonst fällt das 16-Millimeter-Kügelchen vom Viadukt oder rollt einen Abhang hinunter. Um den Parcours zu bewältigen, den Benji und seine Kumpanen von der Vereinigung Mondial Billes im Allee-Center an der Landsberger Allee 277 aufgebaut haben, braucht man buchstäblich Fingerspitzengefühl. Leicht landet man im Aus.

Die schätzungsweise 20 Meter lange Bahn ist mit Steilkurven, Fähnchen, einem Tunnel und einer Brücke gespickt. Es geht über ein Hochplateau, über eine Buckelpiste ins Gebirge. Von dort aus ist es nicht mehr weit ins Ziel - hier in Berlin natürlich das Reichstagsgebäude. Das Beste aber ist: Die ganze Märchenlandschaft ist aus Sand. 16 Stunden haben die „Künstler“, Benji und drei Freunde von der französischen Atlantikküste, gebraucht, um mit Maurerkellen, verschieden großen Spachteln, zehn Kubikmeter märkischem Sand und Wasser diese Achterbahn für Murmelfreunde zu erschaffen.

Nun steht die Murmelwelt auf 80 Quadratmetern im Lichtenberger Allee-Center: Murmelfreunde jeden Alters können heute noch bis 19 Uhr an der Qualifikation teilnehmen. Wer weiß, vielleicht schaffen es die esten ja zur Weltmeisterschaft, die „Mondial Billes“ traditionell im August am Strand von Royan an der französischen Atlantikküste veranstaltet. Am morgigen Sonnabend gibt es die Ausscheidungskämpfe, gegen 14.30 Uhr soll das Finale ausgetragen werden.

Der Radiomoderator Philipp Tranchet habe vor 21 Jahren die Idee zu dem Murmelwettkampf gehabt, erzählt Mondial-Billes-Chefin Elodie Raud. Seitdem hat er sich in Royan zu einem alljährlichen Volksfest entwickelt. Mit der Idee, den Wettkampf auf einem gigantischen Sandparcours stattfinden zu lassen, zog Mondial Billes um die Welt. An der diesjährigen Qualifikation nehmen 15 Länder teil. In Deutschland sind neben Balingen, Berlin, Schwedt und Karlsruhe beteiligt. Mit dem „echten“ Murmeln habe der Wettkampf nicht allzuviel gemein, sagt Elodie Raud. Dabei geht es bekannterweise darum, die Murmeln in ein Loch zu schnippen (siehe Kasten). Die Version von Mondial Billes gleicht dagegen einem Wettrennen mit sechs Mitspielern. Was die Technik anbelangt, nimmt man es nicht so genau. „Bei uns geht es mehr um den Spaß. Die Regeln sind einfach“, sagt Raud mit reizendem französischen Akzent.

Die zweite Attraktion des Turniers sind Benji und seine Kumpels: Beachboys in der Atlantikvariante in schlabbrigen Klamotten, mit Rasta-Locken oder sonst wie verstruwwelten Frisuren. Sie sind ständig damit beschäftigt, mit dem Spachtel kleinere Schäden an der Spielfläche auszuwetzen. Benji macht das als Sommerjob neben dem Geografie-Studium, und kommt als Murmelburgen-Konstrukteur um die Welt. Wenn der offizielle Wettkampf vorbei sei, liefere sich die Crew auch ab und zu ein Match. Benji: „Der Verlierer gibt ’ne Runde aus“.

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