Berlin : Schnitt in die Seele

Ein Stück Metall im Kopf – hilft das gegen Depressionen, Ängste und Zwänge? Ein Kölner Arzt will Hirnschrittmacher einsetzen, um sie zu beseitigen. Für viele bedeutet das die letzte Rettung. Aber die Vorbehalte gegen die Psycho-Chirurgie sind groß – sie hat eine düstere Geschichte

Jeanette Krauth

Wo sind die Grenzen der Medizin? Kann man seelische Nöte, psychische Erkrankungen mit einem Schnitt ins Gehirn, mit chirurgischen Mitteln heilen? Sind Gefühle zerschneidbar? Ein kleines Stückchen Draht im Hirn – und der Depressive lacht wieder? Der Angstkranke geht wieder in der Fußgängerzone spazieren? Und der Zwangskranke hört auf, sich 50 Mal am Tag die Hände zu waschen?

Im Rahmen wissenschaftlicher Studien, die zu den ersten auf der Welt gehören, wird psychisch kranken Menschen in Deutschland nun ein so genannter Hirnschrittmacher eingesetzt. Das Gerät sendet Stromimpulse in bestimmte Regionen des Hirns. Tiefenhirnstimulation nennt man diese Methode. Sie könnte die Rettung für Menschen bedeuten, denen auf konventionelle Art niemand mehr helfen kann. Um zu beweisen, dass das Verfahren tatsächlich wirkt und damit die Tiefenhirnstimulation für psychisch Erkrankte irgendwann eine anerkannte Therapieform wird, hat der Kölner Neurochirurg Volker Sturm zu Beginn dieses Jahres eine wissenschaftliche Studie mit 16 Angst- und Zwangspatienten gestartet. Und noch im April soll eine zweite Studie anlaufen: für schwer depressive Menschen. Zehn Patienten will Volker Sturm operieren und über mindestens ein Jahr die Ergebnisse beobachten.

DER CHEF

Blaues Linoleum, hellhölzerne Türen - frisch und heiter sieht es aus in der 11. Etage des Kölner Uni-Klinikums. Volker Sturm, 61 Jahre alt, weißes Haar, bittet herein. Sein Büro ist groß, viele Fenster, Glastische, Matisse-Drucke an den Wänden. Sturm leitet die Neurochirurgie und außerdem noch den Lehrstuhl für Stereotaxie, den einzigen in Deutschland. Stereotaxie steht für eine minimal-invasive operative Methode – eine mit winziger Wunde also –, die es dem Chirurgen erlaubt, nach Computerberechnung jeden Punkt im Gehirn hochpräzise zu erreichen. Vor fünf Jahren hat Sturm mit Hilfe dieser Methode erstmals einer Angstpatientin einen Hirnschrittmacher eingesetzt, es folgten weitere neun – immer als letzte Instanz, als Experiment an Menschen, denen nichts anderes mehr half, die alles verloren hatten, Job, Familie, die manchmal schon versucht hatten, sich das Leben zu nehmen. Bei sechs Patienten hat sich der Zustand signifikant gebessert.

Seine Versuche werden allerdings scharf beobachtet. Denn chirurgische Operationen an psychisch Kranken haben eine düstere Vergangenheit: Die Stereotaxie wird immer noch mit der Lobotomie in Verbindung gebracht, jenem Verfahren, bei dem ab den 30er Jahren und sogar noch bis in die 60er hinein große Verbindungsbahnen in Großhirnrinde und limbischem System, das für unsere Gefühle zuständig ist, durchtrennt wurden. Psychisch Kranke, die man von ihren überbordenden Gefühlen hatte befreien wollen, wurden zu bettlägerigen Krüppeln, die Furcht, Glück, Trauer oder Liebe nicht mehr empfinden konnten. Die Nachfolger der Lobotomien waren die Ausschaltungs-Operationen, in denen Gehirnregionen verkocht werden und die immer noch manchmal praktiziert wird. Die Methode ist aber nicht präzise: Die Gefühlswelt flacht ab. In Deutschland entbrannte der Streit darum zuletzt in den frühen Achtzigern, über Eingriffe an Sexualstraftätern, denen im Gegenzug ihre Haftstrafen erlassen wurden. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung stellten vor allem die Psychiater die psychiatrische Chirurgie insgesamt in Frage.

DIE HOFFNUNG

In Deutschland ist etwa ein Prozent der Bevölkerung von einer Angst- oder Zwangskrankheit betroffen, ungefähr 820 000 Menschen. 20 Prozent von ihnen helfen die herkömmlichen Therapien nicht. Ihnen könnte die neue Methode neue Hoffnung geben.

DIE PATIENTIN

„Das ist meine letzte Chance, ein anderes Leben zu führen“, sagt Karin Osthof. Die junge Frau hat ihren Stuhl an die Wand gerückt. Die Hände krampfen sich im Schoß zusammen, halten die Jacke fest, das ganze Gespräch über. Karin Osthof ist Teilnehmerin an Sturms Studie für die Angst- und Zwangserkrankten. Seit elf Jahren leidet sie unter Zwängen.

Seit Jahren dreht sich Karin Osthofs Leben nur noch um das Waschen. In schlimmen Zeiten muss sie täglich acht Mal duschen und die Kleider wechseln. Ihr grüner Wollpulli sieht ein bisschen steif aus, ihre Bluse ist astrein gebügelt. Zu Hause hat sie drei Kinder, sie lebt auf dem Land, das macht es zur Hölle, ein Haus keimfrei zu halten. „Ich möchte nicht, dass die Kinder Freunde mitbringen. Sie könnten Bakterien einschleppen.“ Sie spricht leise, man hört, wie Leid es ihr tut, dass die Kinder mit ihr leiden müssen. „Meine älteste Tochter habe ich so schon verloren“, sagt sie, die 14-Jährige wohnt jetzt bei der Oma. Ihr Mann bildet Hunde aus. Er hat eine Schleuse gebaut, in der er die Kleider, die er beim Training trägt, ablegt.

Sie weiß, wie unlogisch sie reagiert. „Zwangserkrankte sind völlig klar bei Verstand. Aber ich kann nicht raus aus meiner Haut. Verweigere ich mich den Bedürfnissen, fühle ich mich unglaublich elend.“ Sie hat gekämpft: mit Medikamenten, Verhaltenstherapien, Aufenthalten in der Psychiatrie. Zwei Selbstmordversuche. Dann hat sie von Volker Sturm gehört und seiner Studie. Ihr Psychiater riet ab: eine Studie nur, noch nichts bewiesen, viel zu gefährlich! Karin Osthof und ihr Mann sind trotzdem nach Köln gefahren. Das war im Januar. Und schon im März wurde sie operiert.

DIE TECHNIK

Auf dem Tisch liegt ein silbernes Gerät: der Hirnschrittmacher, 16 000 Euro teuer, glatt und kühl liegt er in der Hand, gerundet wie ein Seifenstück. Der Schrittmacher wird in den Bauchraum oder unters Schlüsselbein implantiert. Der Impuls, den er ausstößt, wird durch eine Elektrode weitergeleitet: ein Metallstäbchen am Ende eines Kabels, das bis ins Gehirn führt. Bei Zwangspatienten ist das Ziel der so genannte Nucleus accumbens. Denkt man sich eine Linie durchs Auge, die sich mit einer Linie durch die Schläfe kreuzt, kann man sich seine Lage ungefähr vorstellen. Winzig ist dieser Kern im Gehirn, misst längs 14, quer acht Millimeter, Durchmesser drei Millimetern. Einer pro Gehirnhälfte. Volker Sturm behandelt nur den rechten Nucleus. Und von dem nur die hintere Spitze, das Heck, das reiche, sagt er.

Der Nucleus accumbens ist dafür zuständig, Eindrücke des Mandelkerns, einer Region im Schläfenhirn, zu modulieren. Der Mandelkern bewertet alles, was wir sehen, hören oder fühlen, emotional. Er gibt diese Information bioelektrisch an den Nucleus accumbens weiter, und hier wird dann entschieden, wie stark wir empfinden. Nach Sturms Theorie ist das Heck des Nucleus accumbens bei Angst- und Zwangserkrankten überaktiv, sendet zu viele oder zu starke bioelektrische Impulse. Der Hirnschrittmacher soll diese Impulsrate hemmen. Welche Stromfrequenz und -stärke am besten geeignet ist, muss der Neurochirurg ausprobieren – was manchmal Monate dauern kann. Alle ein bis zwei Jahre muss der Schrittmacher ausgetauscht werden. Kostet: eine lokale Betäubung, 20 Minuten und 12 000 Euro.

DER EINGRIFF

Am gleichen Tag im OP-Saal, eine andere Patientin. Sie wird für die Computertomografie vorbereitet. Mit den dreidimensionalen Schädelfotos wird berechnet, wo genau die Schrittmacher-Elektrode liegen soll. Dafür muss der Kopf absolut still liegen. Ein Ring aus Karbon wird über den Oberkopf gelegt. Zwei Dornen über den Augenbrauen, zwei am Hinterkopf werden festgeschraubt. Sie bohren sich bis auf den Knochen. Der Professor begleitet die Fahrt des Krankenbettes in die Chirurgie anschließend persönlich, der Kopf darf sich jetzt nicht mehr bewegen, sonst sind die CT-Berechnungen wertlos.

Zur Implantation der Elektrode wird dann ein Roboterarm auf den Kopfring aufgesetzt, der millimetergenau die Elektrode durch ein kleines Bohrloch ins Gehirn führt. Das ist der heikelste Moment: Auf dem Weg darf kein Gefäß verletzt werden. Hirnblutungen könnten Lähmungen, im schlimmsten Fall den Tod nach sich ziehen. Dann wird nur noch der Gang für das Elektrodenkabel gelegt, den Hals hinunter, bis zum Schlüsselbein – oder bei Frauen zum Bauchraum, damit das Dekollete narbenfrei bleibt. Dann wird er Generator, quasi der Akku, eingesetzt.

DAS VORBILD

Abgeschaut ist die Methode von der Therapie an Parkinsonpatienten. Hier ist der Schrittmacher schon anerkannt. Vor zwölf Jahren hat der Pionier der Tiefenhirnstimulation, Alim Benabid aus Grenoble, zum ersten Mal so operiert. Man wusste damals gerade, welches Hirnareal bei Parkinson das Zittern auslöst und wie: durch bioelektrische Überaktivität nämlich. „Ich bin skeptisch nach Grenoble gefahren und kam begeistert wieder“, sagt Volker Sturm. „Schon auf dem OP-Tisch kann man bei zitternden Patienten eine Verbesserung sehen.“ Durch die Stromimpulse wird die zu hohe Zellaktivität gehemmt. Nicht nur bewegungsgestörte, sondern auch psychisch Kranke so zu behandeln, findet Sturm völlig logisch: „Ob ich eine Nervenzelle, die für die Motorik zuständig ist, anspreche, oder eine, die für die Emotionen zuständig ist, macht keinen generellen Unterschied“, sagt er.

DIE ETHIK

Vor fünf Jahren, nach den ersten Operationen an Zwangs- und Angstpatienten, sprachen die Kritiker noch davon, dass Sturm sich auf „verbrannter Erde“ bewege. Ihre Zahl hat sich stark reduziert, aber manche Ärzte meinen auch heute noch, man wisse noch zu wenig darüber, wie Emotionen und Gehirnstrukturen zusammenhängen. Sie sind skeptisch, ob sich psychische Erkrankungen auf Neuronen-Verbindungen herunterreduzieren lassen. „Aber man darf die Tiefenhirnstimulation nicht verteufeln, sie kann für schwer Kranke die letzte Wahl sein“, sagt Birgit Mahler, leitende Psychologin der Christoph Dornier Klinik in Münster. Außerdem arbeiten die Chirurgen immer mit Psychiatern zusammen. Die entscheiden, wer geeignet ist. Wichtigste Bedingung: dass alle üblichen Heilverfahren gescheitert sind. Bei Karin Osthof war das der Fall. Ihre Wünsche sind klein: „Meinen Mann umarmen, ohne dass er vorher duschen muss, und in Urlaub fahren“, sagt sie. Zum Abschied streckt sie die Hand aus. Raue Haut. Sie wird sie gleich wieder waschen. Vielleicht muss sie das bald nicht mehr. Wenn der Schrittmacher wirkt.

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