Berlin : Schnitt und weg

Immer mehr Discountfriseure eröffnen ihre Salons in der ganzen Stadt. Die Innung glaubt, dass es bald 40 Läden geben wird. Der Trend ist ungebrochen

Constance Frey

Er ist zu spät, seine Nummer schon aufgerufen worden. Und er war nicht da. Bei jeder Behörde wäre er jetzt der Gekniffene. Aber der junge Mann kommt nicht in ein Amt, sondern in die „Notaufnahme“ gehetzt. Und da reicht ein charmanter Blick für Anne Pleli. „Ich habe meine Nummer verpasst“, sagt er. Und sie: „Ist schon okay, setz dich hin und lass dir den Kopf waschen.“ Der Kunde lässt sich die Haare schneiden und Anne Pleli arbeitet wie am Fließband. Hier, wie in der „Haarwerkstatt“, dem „No Name“ oder dem „Friseur ohne Namen“ läuft es nach dem immer gleichen Prinzip: Kommen, sich eine Nummer ziehen, auf den Aufruf warten und für den Haarschnitt zwischen zehn und 15 Euro zahlen.

In Berlin wächst die Zahl der Discountfriseure weiter. Der Trend ist ungebrochen. Wolfgang Soluk, Betriebsberater der Berliner Friseurinnung, rechnet damit, dass es in einigen Jahren 30 bis 40 Discountfriseure in der ganzen Stadt geben wird. „Noch gibt es einen Boom, aber wir sehen auch die ersten Pleiten kommen.“ Er glaubt, das Phänomen werde nur eine begrenzte Lebensdauer haben. So sieht das auch André Schereika, Inhaber des „Friseur ohne Namen“ am Hackeschen Markt. „Wenn die Menschen die Schnauze vom Sparkurs voll haben, werden sie wieder mehr für Service zahlen.“

Sascha Thomas sieht das ganz anders. „Wir lassen das Überflüssige weg und konzentrieren uns auf die Qualität.“ Ihm gehört die „Haarwerkstatt“ mit zwei Läden in Schöneberg und Friedrichshain. Seine Kundschaft, glaubt er, sei durchaus kaufkräftig. „Manche lassen sich eine Frisur bei Udo Walz machen, und weil ihnen das Nachfärben dort zu teuer ist, kommen sie dann zu uns.“ In seinen Salon in Schöneberg kommen vor allem Stammkunden, etwa 50 Prozent machen sie aus. Damit die Kunden trotz zunehmender Konkurrenz treu bleiben, schaut Sascha Thomas genau auf seine Mannschaft. „Aus 30 Bewerbern kommen zwei in die engere Auswahl“, sagt er. Und das, obwohl der Friseur nicht mehr zu den Traumberufen zählt und darüber hinaus der Zeitdruck beim Discount-Friseur höher ist, als anderswo. „Wir hatten schon welche da, die nach zwei Stunden die Schere aus der Hand geworfen haben.“ Ist man erstmal drin, lohnt sich die Sache. Sarina Schenda, 22, ist stellvertretende Filialleiterin der „Haarwerkstatt“: „Wir verdienen übertariflich.“

Vor der Tür der „Notaufnahme“ sonnt sich Karen Nöring und wartet auf die nächste Behandlung für ihre Strähnchen. Sie schätzt die ungezwungene Art: „Es geht schnell, es gibt keine komplizierten Gespräche.“ Sie ist heute morgen schon früh da gewesen. „Wenn man später kommt, muss man mit einer Stunde Wartezeit rechnen.“ Sven Bücking ist Chef der „Notaufnahme“ und hat seinen Laden Dezember 2000 eröffnet. „Ich habe lange in konventionellen Salons gearbeitet und festgestellt: 60 Prozent der Kunden wollten das Föhnen gar nicht. So kam die Idee des ,Cut and Go‘ zustande.“ Die Idee ist ganz einfach: Der Friseur schneidet, der Kunde föhnt. Matthias Bünemann vom „Friseur ohne Namen“ findet das viel kundenfreundlicher. „Es kommt darauf an, dass der Kunde mit seiner Friseur selber klar kommt. Das merkt er beim Föhnen sofort.“

Den Friseuren bietet das Cut-and-Go-Prinzip viel mehr Spielraum, oft auch für ihren eigenen Haarschnitt. Laura Wienbrandt managt das „No Name“ in Friedrichshain sonnabends alleine. Die 24-jährige Gesellin arbeitet seit zwei Jahren hier. Sie würde in einem konventionellen Friseursalon nicht arbeiten wollen. Sie zeigt auf ihre Dreadlocks und lacht: „Ich kann hier machen, was ich will.“ Mit anderen Worten: Ein anderer Friseur, glaubt sie, hätte sie nicht genommen.

Die Kundschaft in den Discountsalons ist bunt gemischt. Karin Wemmer, 58, liest in der „Haarwerkstatt“ Zeitung und wirft von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Anzeige über ihrem Kopf. „Ich komme seit etwa einem Jahr regelmäßig hierher. Ich finde das total praktisch, die Atmosphäre ist so locker.“ Es kommen Anwälte ebenso wie Ärzte und Studenten. Sogar Kinder, die normalerweise nicht stillhalten, sind hier ganz artig. Sascha Thomas glaubt zu wissen, warum: „Sie werden ernst genommen.“

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