Berlin : Schnüffler vom Dienst

Sie riechen und sehen mehr als jeder Mordermittler: Die Spurenhunde können winzige Spritzer Blut finden und unsichtbare Hinweise aufspüren

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Eve steht kurz vorm Abitur, Anschlussstudium geplant. Eve ist hochbegabt, schnell im Kopf, lernbegeistert und murrt nie über den Lehrstoff. Trotzdem findet Kai, findet auch Matze, ist ein bisschen Vorbereitung immer gut. Praktische Übungen mit dem Stoff, um den es bei der Prüfung gehen wird. Der Stoff ist – Blut.

Eve ist sieben. Eine altdeutsche, deshalb etwas wuscheligere Schäferhündin. Bei solchen Persönlichkeiten heißt die Eignung fürs Abitur natürlich anders – Eve ist triebig und führig, und sie hat schon bei mehreren Praktika bewiesen, dass sie ranklotzen kann bis zur Fiebrigkeit. Nach zehn Wochen Grundschule für den Schutzhunddienst bei der Berliner Polizei und acht Wochen Fortbildung zum Leichensuchhund steht sie jetzt, nach acht weiteren Wochen Spezialtraining, vor der Prüfung zum Blutspurensuchhund. Kai Pochert ist Eves Führer – so heißt das wirklich –, 41 und Polizeioberkommissar (POK). Matze heißt vollständig Matthias Dahlke, ist auch POK, 40 und Ausbilder sämtlicher LSH/BSH, wie diese vierbeinigen Spezialisten gekürzelt werden. 35 der etwa 150 Polizeihunde in Berlin sind Spezialhunde, die meisten suchen nach Rauschmitteln und Sprengstoff.

Matze hat einen Plastikcontainer mit allerlei Lappen und einem Beutel mit braunroter Flüssigkeit. „Wir kriegen abgelaufene Blutkonserven aus Krankenhäusern“, erklärt er, während er die Einweghandschuhe überstreift. Altes Blut kann kontaminiert sein. Und vor allem darf die Spur, die er gleich legen wird, nicht von seinen eigenen Gerüchen überlagert werden. Matze Dahlke ist seit 1983 Polizist, seit 1990 bei den Hunden und wollte eigentlich zu den Sprengstoffexperten. Nur war dafür sein damaliger Hund nicht der richtige. Also hat er „Rauschgift“ gemacht, szenetypisch mit langen Haaren und ein paar Kilo leichter, damals war er auch noch Raucher. Mitte der neunziger Jahre hat er sich zum Ausbilder ausbilden lassen, 1998 wurden er und Kai Pochert zum „Ursprung der heutigen Truppe“ und fingen an, die Hundeabteilung aufzubauen. Die Mordkommissionen, begeistert von den ersten Versuchen, hatten größeren Bedarf an Hunden für latente Blutspuren angemeldet. „Das war meine Stunde“, lacht Matze, „ich arbeite nämlich gern mit ,weichen’ Hunden. Bei einem sensiblen Hund muss ich Feingefühl reinbringen.“ Er hatte immer schon eine Witterung für Hunde, die als schwach galten, als nicht diensttauglich, und sie gegen alle Widerstände durchgesetzt.

Trainiert wird an verschiedensten Orten in der Stadt, draußen und drinnen, fast täglich. Diesmal baut Matze eine Spurenanlage auf dem Polizeigelände in der Spandauer Radelandstraße. Der stillgelegte Zellentrakt im Keller des ehemaligen Abschnitts 22 ist ideal: Kachelwände, Terrakottaböden, Holzbänke mit Metallschrauben, alles staubbedeckt und übersät mit Flecken, Schnipseln, Krümeln. Matze knipst den Blutbeutel auf und drückt einen winzigen Tropfen auf eine braune Flurfliese. Dann nimmt er einen Gazetupfer und saugt ihn auf. Übrig bleibt ein etwas dunklerer Fleck, kaum zu sehen. Spur Nummer eins. Mit dem Tupfer geht er jetzt durch die Zellen. Lässt sich Zeit beim Suchen, das Blut soll ruhig trocknen. Wischt schließlich einmal kurz über eine glänzende Schraube in einer Holzbank. Spur Nummer zwei, völlig unsichtbar fürs menschliche Auge. Die dritte tupft er auf einen gekachelten Türrahmen, in Bauchhöhe.

Dann geht er nach draußen zum Bambi-Fahrzeug. „Bambikräfte“ nennen sie die Diensthundabteilungen intern. Mit diesem hier sind drei der fünf vom Hundeteam angereist – Eve im klimatisierten Spezialanhänger, und hinten im Transporter Matzes Laika und Kischa von Timo Reschke. Vorfreudiges Gebell. Schäferhundtimbre. Nur Laika blafft wie ein kleiner wendiger Jack Russell.

Alle drei Hündinnen bersten vor Tatendrang. Dabei waren sie erst vor Kurzem im harten Einsatz, neun Stunden lang, immer abwechselnd fünf bis zehn Minuten Schnüffeln. „Das ist so anstrengend wie ein Marathon für Menschen“, sagt Matze. Sie haben Wohnungen von Verdächtigen durchsucht, die an der tödlichen Messerstecherei am 30. Dezember 2006 auf der Potsdamer Straße beteiligt gewesen sein sollen. Zufällig wieder im Auftrag der zweiten Mordkommission, wie bei Kai Pocherts allererstem Einsatz im Oktober 1999, damals noch mit Ori, der inzwischen gestorben ist. „Wir waren beiden ziemlich aufgeregt, der Hund und ich. Aber ich wusste ja, was er kann“, erinnert er sich.

In einer Parkanlage in Friedrichshain wird frühmorgens ein Toter entdeckt, mit blutigen Schuhabdrücken an Kopf und Körper. „Wenige Meter hinter der Leiche war eine erste augenfällige Spur, eine Bierbüchse“, sagt Ingo Kexel, Leiter der zweiten Mordkommission, „und es fanden sich mehrere gleichartige Büchsen, aus dem Park hinausführend“. Tatsächlich markieren die Hunde den Weg des Täters oder, wahrscheinlicher, der Täter aus dem Park bis an die Straße. Befragungen bei Anwohnern ergeben, dass in irgendeinem Haus gegenüber Leute wohnen, „die nächtens durch Zecherei und Heil-Hitler-Rufe aufgefallen sind“. Die Hunde finden das Haus. Jetzt werden sie durchs Treppenhaus geführt und kratzen immer wieder an Stellen, an denen kein menschliches Auge etwas sieht, zuletzt an einer Wohnungstür. Ermittlungen bestätigen: Aus dieser Wohnung kam das rechtsradikale Gegröle. „Wir haben dann zügig gestürmt und fünf, sechs junge Leute gefunden, die gerade dabei waren, ihre blutigen Kleidungsstücke zu reinigen und sich über die Tat zu unterhalten.“ Mordaufklärung samt Festnahme der Täter in zwölf Stunden – ein Traum. „Die waren auch erstaunt, wie schnell wir aufgetaucht sind“, freut sich Kexel heute noch.

Die Schnüffler vom Dienst können Ermittlungen enorm beschleunigen. „Wenn ich eine Wohnung habe, die aussieht wie ein Bombentrichter, und überall liegen Textilien rum, ist ein Hund, der an einem Stapel eindeutig anzeigt, unglaublich hilfreich“, sagt der Kriminalhauptkommissar. Dann wird zuerst dieser Stapel von der Kriminaltechnik bearbeitet. Hunde finden sogar so minimale Spuren, dass die Kriminaltechnik zwar per Vortest Blut ausmachen kann, aber erst im Labor den Zellkern vervielfältigen muss, bevor sich ein genetischer Fingerabdruck gewinnen lässt. Für Kexel sind Spezialhunde heute Standardprogramm. Die Mordermittler haben sich früh stark gemacht für den Ausbau der Abteilung. Sprengstoffhunde zum Beispiel finden auch Schmauchreste nach Schüssen an verborgensten Dingen, Rauschgifthunde den Stoff trotz beißendster „Tarngerüche“. So wie die Hunde vom BSH-Team Blut noch wittern, das mit scharfen Putzmitteln weggeschrubbt wurde.

Im Keller der Radelandstraße geht es um Fingerführigkeit. Filigranarbeit für Mensch und Tier. Eine Spur auf Fliesen ist schnell mal überlaufen, wenn man nicht Quadratzentimeter für Quadratzentimeter die Hundenase drüberführt, dem behandschuhten Finger hinterher. Was Hund und Mensch immer wieder trainieren, ist der totale Einklang. Finger und Nase müssen gleich schnell sein, den Rhythmus gibt der Hund vor. Seine Nase muss wirklich überall schnüffeln, und ein Mensch muss erkennen, ob er das wirklich tut oder bloß irgendwo irgendwas anzeigt, weil er auf die Belohnung spekuliert. „Doch, doch, ein Hund kann einen auch austricksen wollen“, sagt Kai. „Und der beste Hund ist nur so gut wie der Mensch“, ergänzt Matze. Weshalb der Mensch nicht nur hervorragend ausgebildet sein muss – er muss selbst kriminalistisch denken können und exakt informiert werden. Tatortarbeit à la: „So, Bello, jetzt check mal den Raum durch!“ gibt es nicht. „Wir planen vorher systematisch jeden Raum, je nachdem wie wir eingewiesen werden“, erläutert Matze. Die Spezialkenntnisse haben sie sich selbst draufgeschafft: Leichenkunde, die Einflüsse von Wind und Wetter, Tierfraß. Sie glauben im Zweifelsfall eher ihren Hunden als Menschen und werden immer wieder darin bestätigt. Zum Beispiel, als die vermisste und tot vermutete Frau des „Todesfliegers vom Reichstag“ gesucht wurde und die Hunde an einem Kohlenstapel mitten im Zimmer, einer Wand und einem Sofa „deutliches Anzeigeverhalten zeigten“, obwohl der Ort schon bearbeitet war. Es war Blut auf der Tapete, unter einer neuen Schicht Farbe, es war Blut auf dem gereinigten Sofa, und die Leiche lag vergraben unter den Kohlen. Zwischen 1500 und 1800 Euro gibt Berlin pro Tier aus, weit weniger als andere Bundesländer. Die Ausbildung kostet das Vielfache. „Die Feinarbeit dauert ein Jahr und länger.“

Eve darf jetzt raus aus ihrer Klimabox, einen Schluck trinken und spielen. Der Spieltrieb ist das Fundament der Berliner Ausbildung. „Zuckerbrot“ muss die „Peitsche“, die anfangs auch nötig ist, ganz schnell ersetzen, sonst wird aus einem Hund kein Spezialist. Kai und Eve rangeln um einen Lappen, mit lautem Getöse und Körpereinsatz. „Eve ist immer aufgeregt, will immer beschäftigt werden, genau das, was wir brauchen für so eine Arbeit“, brüllt Kai über ihr freudiges Bellen weg. Auch er ist in seinem Element. Kai Pochert arbeitet seit 1988 mit Hunden und lebt wie alle Hundeführer mit seinen Tieren zusammen. „Manchmal hat man dann zwei zu Hause“, lacht er, „den pensionierten und den Nachwuchs“. Mit rund zehn Jahren gehen Diensthunde in Pension.

Ab da fallen Steuern und Arztkosten an und die 72 Euro Kostgeld pro Monat weg. Furchtbar gerecht findet das niemand, „aber das ist man dem Hund schuldig“, sagt Kai achselzuckend. „Wenn man so lange mit ihm verbracht hat und er einen schon verteidigt hat – das schweißt ja unheimlich zusammen.“ Er ist mit Eve bis in den Flur getollt, in dem sie suchen soll. Matze deutet auf eine Fläche von zwei, drei Quadratmetern. Noch einmal Zerren am Spielzeuglappen, dann das Kommando „Aus!“ Eve rückt den Lappen raus und legt sich flach, gespannt. Kai teilt im Kopf die Fläche ein, während er die Handschuhe anzieht. Eve wackelt erregt mit dem Hinterteil, hechelt, kann sich kaum flach halten. „Eve?“ Jetzt darf sie aufstehen, rennt japsend zu Kai, führt die Nase dicht an seine Finger und folgt exakt den Linien, die Kai knapp über dem Boden zieht. Irgendwo da liegt Spur Nummer eins. Eves Schnuppern ist das einzige Geräusch im Raum, bis Matze Kai anbrüllt: „Schneller, schneller!“ Er weiß, dass Eve gerade an der Spur vorbeischnüffelt. Nochmal dieselbe Fläche. Nochmal Hochkonzentration. Gebannte Stille bis auf das Schnüffeln. Kais Handschuhfinger ziehen jetzt schnellere Linien – und plötzlich fängt Eve wie wild an, auf dem Boden zu kratzen und zu jaulen, kriegt sich kaum wieder ein. Kai jault genauso laut, knuddelt sie, tätschelt sie und rückt den Lappen wieder raus. Eve hat korrekt angezeigt und darf spielen.

Die Menschen machen Manöverkritik. Führigkeit, Aufmerksamkeit, Präzision – alles wunderbar, ist Matzes Fazit, aber: Warum hat Eve nicht beim ersten Mal angezeigt? „War mein Fehler“, sagt Kai, „Eve ist irre schnell, und ich bin erst einmal langsamer geworden, das hat sie verwirrt.“ Arbeit mit Hunden ist eine hochemotionale Sache. Nicht jeder männliche Diensthundführer ist ein Bauchmensch wie Matze, der mit allen Hunden sofort in Hundesprache turtelt. Kai musste das lernen. „Ich hab mich zuerst geniert, vor all den Kollegen drumrum“, grinst er.

Erfolg und die extrem hohe Aufklärungsrate hilft, zumal bei den spektakulären Fällen. Aber Erfolg ist nichts, worauf Leute wie Matze und Kai sich ausruhen. Sie sind längst dabei, das Spielfeld ihrer Hunde zu erweitern. Bisher umfassen die „humanen Geruchskomponenten“, auf die sie spezialisiert sind, nur Blut und Leichen in Innenräumen und in der Landschaft. In Zukunft sollen sie auch Vermisste und Tote im Wasser aufspüren können. „Wir arbeiten am Multihund“, sagt Matze stolz, bevor ihm Laika auf den Arm springt, gierig auf ihren Sucheinsatz. Umwerfend, diese Vierbeiner. Nichts für Fliegengewichte.

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