Berlin : Schnurrender Spion

Wolfram Siebeck

„Ihr habt wirklich kluge Leute in eurem Regierungshaus“, sagt Frau Hoffmann, als ich den Fernseher abschalte.

„Du meinst im Parlament?“ Sie nickt nur, da sie die Schnauze voll Haare hat, die sie sich gerade mühsam aus dem Winterpelz gezupft hat. „Meinst du jemand bestimmten?“ Sie nickt, schluckt und sagt: „Der Mahles.“

Ich überlege. Ich weiß von keinem Mahles. Ich kenne nur Frau Nahles von der SPD, die ihre Partei so durcheinander gebracht hat. Ich bitte um Einzelheiten: „Wie sieht er denn aus, dein Mahles?“

„Er hat eine sehr hohe Stirn und sitzt da, wo die SPD-Bonzen sitzen. Außerdem heißt er nicht Mahles, sondern Nahles.“ Aber Nahles ist doch kein Mann, sondern eine Frau, wundere ich mich. Frau Hoffmann wundert sich auch. „Aber sie ist sehr intelligent!“

„Ja, das soll es geben. Woran erkennst du denn die Intelligenz von Politikerinnen?“

„Am Vakuum“, antwortet Frau Hoffmann. Soso, am Vakuum. Vakuum ist ein luftleerer Raum, der entsteht, wenn etwas vakuumiert wird. Hühnerleber zum Beispiel oder Leberknödel. Aber während sie Hühnerleber wahnsinnig gern frisst, verabscheut sie Leberknödel. Zu viel Schweineleber drin, nehme ich an.

„Und warum glaubst du, dass Frau Nahles intelligent ist?“, frage ich nach einer angemessenen Pause.

„Sie sieht, wo ein Vakuum ist.“ Ob die Abgeordnete in den Sitzungspausen Leberknödel isst?

„Und wo hat sie eins gesehen?“

„Neben Frau Merkel. Gestern. Stand heute in der Zeitung.“

„Und was war drin im Vakuum?“

„Nichts natürlich. Ein Vakuum ist leer, keine Luft, nichts.“ Ich will das Gespräch nicht auf Hühnerlebern oder die Knödel bringen und belasse es bei ihrer Definition. Es geschieht nicht oft, dass ein Mitglied des Bundestags in diesem Haus als intelligent beschrieben wird. Katzen urteilen sogar besonders kritisch. Nur wenn die Kamera jemanden erwischt, der sich beim Gähnen nicht die Hand vor den Mund hält, sagt Frau Hoffmann nichts. Sie gähnt selber ständig und reißt dabei ungeniert die Schnauze auf. Ich muss ihr mal den Knigge neben den Fressnapf legen.

„Was bedeutet es, wenn jemand neben Frau Merkel ein Vakuum sieht?“

„Delirium tremens, Fata Morgana, Geisterseher, Wunschdenken, Depression, Spiritismus – alles ist möglich. Die Fantasie ist eines der schönsten Geschenke der Schöpfung an den Menschen.“

„Glaubst du etwa, wir Katzen hätten keine Fantasie?“

„Nun ja, du träumst recht lebhaft, wie ich beobachtet habe.“

„Hat vielleicht auch der Herr... die Frau Nahles fantasiert, als sie das Vakuum sah?“

Ihr Interesse für das Vorstandsmitglied der SPD ist ungewöhnlich für eine parteilose Katze französischer Herkunft. Ich werde neugierig: „Wer hat euch Katzen eigentlich die Fantasie geschenkt?“

Wie zum Denkmal erstarrt, hält sie abrupt inne mit ihrer Pelzpflege. Sie beobachtet mich lauernd, während sie den Namen nennt: „Otto Schily“. Wahrscheinlich hat sie wieder einmal meine Gedanken gelesen. Jetzt gilt es nur zu erfahren, ob taktischer Bekennermut sie zu ihrem Geständnis treibt oder ob sie sich über mich lustig macht. „Und womit bedankst du dich bei ihm für das Geschenk?“

„Ich mich bei ihm? Von wegen: Er bedankt sich bei mir.“

„Dafür, dass du den linken Flügel der SPD ausspionierst?“

„Eine Dame kann galanten Geschenken manchmal schwer widerstehen“, sagt sie kokett und streicht sich den Schnurrbart.Wie ich diese Dame kenne, handelt es sich bei dem galanten Geschenk um Hühnerlebern. Wahrscheinlich vakuumiert und hoffentlich auf Vogelgrippe untersucht. Es wäre beschämend, wenn sich Frau Hoffmann für weniger an unseren Nachrichtendienst verkauft hätte.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gastrokritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben