Berlin : Schön anders

Schöneicher Jugendmesse

Christiane Bertelsmann

Klein, vom Alter gebeugt, eine rosa Strickjacke um die schmalen Schultern, das weiße Haar zum Knoten hochgesteckt. In den Händen das Gesangbuch – das mit den modernen Kirchenliedern. Und um sie herum fast nur junge Leute. Die alte Dame kommt jeden Sonntag zum Gottesdienst in ihre Gemeinde Schöneiche bei Berlin. Heute ist es ein Jugendgottesdienst. Als vorne, wo sonst der Altar ist, Robert und Thomas mit E-Gitarre, Schlagzeug und gut aufgedrehtem Verstärker den Gottesdienst mit dem Nirvana-Song „Polly“ einleiten, da zuckt sie zusammen. Alles ganz schön anders heute in der Kirche.

Der Gottesdienst dient als Abschluss des Kreisjugendcamps der evangelischen Jugend Lichtenberg-Oberspree. Schon am Samstag hatten sich 80 Jugendliche im Gemeindehaus in Schöneiche getroffen und auf der Wiese hinterm Haus gezeltet. Irland war das Thema. Pfarrer Paulus Hecker, mit 35 wohl einer der jüngsten Pfarrer Berlins, hat deshalb „Versöhnung“ zum Leitfaden der Andacht gemacht. Links und rechts von dem improvisierten Altar (der ursprüngliche dient der Band als Bühne) hängen regenbogenfarbene Tücher. Pfarrer Hecker begrüßt die Gemeinde mit einem irischen Segen, zusammen mit den Jugendlichen betet man das Versöhnungsgebet der Kathedrale von Coventry. Die Kathedrale wurde 1940 durch deutsche Bombenangriffe zerstört, erklärt Pfarrer Hecker, seit 1959 spricht man hier jeden Freitag das Versöhnungsgebet in der als Ruine belassenen Kirche.

Paulus Hecker verteilt das, was er zum Thema Versöhnung zu sagen hat, locker über den ganzen Gottesdienst. Und nach der Lesung (3. Mose 16), bei der es um Sühneopfer geht, gibt es sogar eine Art kleine protestantische Beichte. „Wir haben hier in Deutschland keine Wüste, in die wir Sündenböcke schicken könnten“, sagt Hecker. Er habe sich aber zusammen mit den Jugendlichen etwas anderes ausgedacht. Dann teilt er kleine rote Zettel aus. „Da könnt ihr draufschreiben, womit ihr Menschen wehgetan hat. Was ihr bereut.“ Die Zettelchen kommen – ungelesen – in eine Schale auf dem Boden vorm Altar. Pfarrer Hecker zündet sie an. Es dauert eine Weile, bis sich der Rauch durch die hohen Fenster verzogen hat.

Zum Schluss präsentiert er eine Art Versöhnungsanleitung. „Sich öffnen, sich aneinander annähern, sich gegenseitig vertrauen“, steht auf einem großen Plakat. Die alte Dame mit der Strickjacke nickt. Und als die E-Gitarren wieder loslegen, da lächelt sie.

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