Berlin : Schön geklagt - Die Troubadoure Hugo Bascopé und Normund Leitlants

Jochen Metzner

Eigentlich ist doch nichts alberner, zumindest aber überflüssiger als unsere tiefsitzende Angst vor Trauer, Melancholie und den schwarzen Flecken auf unserer Seele. Ob Fado, Blues, Rembetiko oder Tango - was wären die schillerndsten Spielarten populärer Musik denn bloß ohne den schier unerschöpflichen Kraftstrom aus Wehmut und Enttäuschungen? Die beiden Tango-Troubadoure Hugo Bascopé (Akkordeon) und Normund Leitlants (Klavier) führen jetzt im Bellevue auf beruhigend unangestrengte Weise vor, wie ihre aus Armut und Entwurzelung gewachsene Musik immer wieder für die wundersamsten Wandlungen des Gemüts gut ist. Die Attacke auf feste Wertordnungen kann dabei natürlich nur hilfreich sein und wird von den beiden gleich eingangs höchst schwungvoll besorgt: im Genre-Klassiker "Loca" ("Verrückt") rennt eine Frau, die scheinbar alles hat, schließlich doch lieber einem hergelaufenen Kerl nach. Mit ähnlicher Einfühlsamkeit nähern sich der schon seit Jahrzehnten in Europa heimische Bolivianer Bascopé und der Tastenmann aus Riga dann auch all den anderen Nuancen des Tango an, die ihn zu einer festen Größe zwischen Vorstadt-Kaschemme, Salon-Klassik und neuem Kunstlied werden ließen. Was wäre die ganze argentinische Tango-Herrlichkeit schon ohne Europa - im Stück "Canaro en Paris" über die epochale Frankreich-Tour des Tango-Komponisten Francisco Canaro sausen beide in hurtigstem Vaudeville-Tempo durch die Oktaven. Ganz anders gerät dagegen Normund Leitlants solistische Annäherung an Astor Piazzolla, dessen Melodien er in neo-romantischer Attitüde in ätherische Einzeltöne auflöst. Ach Wehmut kann ja so schön sein...Nochmals heute abend im Bellevue, 20.30 Uhr

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