Berlin : Schön war’s, ein Narr zu sein

Immer wieder machte Sir Peter Ustinov den Berlinern Laune – zuletzt im Herbst des vergangenen Jahres, als er von den Erstsemestern der Freien Universität mit Ovationen bedacht wurde

Andreas Conrad

Schon zu Lebzeiten war König Lear nicht zu beneiden, mit dem Tod wird es strapaziös. Sieben Seiten Dialog stehen noch bevor. An die Qualen des Schauspielers, der dies am Boden ohne den geringsten Mucks ertragen muss, hat Shakespeare natürlich nicht gedacht: „Etwas fängt an zu jucken, und man denkt, man muss sterben.“ Doch wenn man beim nächsten Mal das juckende Bein geschickt mit dem Mantel bedeckt, um sich verborgen zu kratzen, kitzelt es an der Nase.

An einen wie Peter Ustinov erinnert man am besten mit einem der Scherze, Anekdoten, Bonmots, die er so freigiebig erzählte. In diesem Fall im November 1995 im Hotel Maritim, ein Treffen mit Journalisten, die er auf seinen „Abend mit Peter Ustinov“ vorbereiten wollte. Behaglich räkelte er sich auf dem Sofa, was der ohnehin heiteren Stimmung etwas Familiäres gab, als wolle Ustinov signalisieren: Auch hier in Berlin bin ich zu Haus.

Einen Satz wie „Ich bin ein Berliner“ hätte er, der Weltbürger, wohl nie über die Lippen gekriegt, aber einen besonderen Narren musste er an der Stadt gefressen haben. Nur aus beruflichen Verpflichtungen kommt niemand so oft zu Besuch wie er. Die erste im Tagesspiegel nachweisbare Visite fand in den tiefen Fünfzigern statt, als sich Ustinov im Schlosspark-Theater eine Vorstellung seines Stücks „Die Liebe der vier Obersten“ ansah. Später erwies er Berlin mehrfach die Ehre, hier die deutsche Uraufführung seiner Stücke stattfinden zu lassen wie 1987 die von „Beethovens Zehnte“ im Schiller-Theater, in dem natürlich er selber den untoten Komponisten spielte, der – „Pa-pa-pa-paaa“ – einem Musikkritiker auf die Bude rückt.

Auch der Schauspieler und Regisseur Ustinov gab hier wieder und wieder seine Visitenkarte ab, bei der Berlinale 1955 beispielsweise und dann vor allem 1972, als er anlässlich seines Films „Hammersmith is out“ einen Silbernen Bären erhielt – als „Spezialpreis für die Originalität seines künstlerischen Gesamtwerks“. Eine Filmpremiere – „Luther“ am 30. Oktober 2003 im „Kosmos“ – war auch der Anlass zu seinem letzten Besuch in Berlin.

Wenige Wochen zuvor war er ebenfalls hier gewesen, um im Audimax der Freien Universität in der Immatrikulationsfeier die Erstsemester zu begrüßen. Klar, dass er den Studenten für ihre Ovationen mit einer Solonummer dankte: als greiser sowjetischer Parteichef Breschnew, der sich mit starrer Miene vom Parteivolk beklatschen lässt.

Besonders oft führte Sir Peter sein Engagement für Unicef nach Berlin. Deren 50-jähriges Jubiläum wurde im Juli 2003 im Haus der Kulturen der Welt gefeiert, und selbstverständlich war Ustinov, der älteste unter den Unicef-Botschaftern, zugegen. Man müsse etwas von der empfangenen Freude zurückgeben, erklärte er, und setzte es gleich in die Tat um: Vor seiner Imitation einer Bach-Kantate war wohl nur wenigen bewusst, aus wie vielen Stimmen sie besteht.

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