Berlin : Schön wie Schneewittchen

Hunderte Berliner kamen zum Kostümverkauf in die Deutsche Oper – und entdeckten ihre Traumkleider

Christoph Stollowsky

Die Kölner Karnevalisten waren ganz vorne im Gedrängel. Punkt 14 Uhr, als zwei Pförtner die großen Glastüren der Deutschen Oper öffneten, stürmte der Trupp an ihnen vorbei und die Treppen hinauf zu den Garderobenständern und Kramkisten mit rund 3000 ausgemusterten Kostümen, 150 Perücken, 200 Hüten und jeder Menge Accessoires. Seit zwei Jahren leben die etwa zwanzig Kölner in Berlin und arbeiten für den Bund, doch zum Karneval fahren sie gemeinsam zurück in die Heimat. Bis gestern fehlten noch originelle Ballkleider, deshalb war der Kostümverkauf in der Oper am Samstagnachmittag ihre „große Chance“.

Auch viele hundert Berliner kamen, Eltern mit Kindern an der Hand, die nach Hänsels Hose und Gretels Rock Ausschau hielten, Jugendliche auf der Suche nach „abgefahrenen Lederklamotten“ und Ältere mit der Hoffnung auf elegante Barock- oder Rokokokleider. Sie schubsten sich durch die Türen, um nicht die besten Angebote zu verpassen, schlüpften neben den langen Garderobenständern beim Kostümwechsel in Windeseile von einem Jahrhundert ins nächste und hatten ihr Vergnügen wie die Jüngsten vor der Verkleidungskiste beim Kindergeburtstag. Um 14.30 Uhr waren fast alle Perücken verkauft, zwanzig Minuten später ging der letzte Hut weg: ein Renaissance-Barett aus Samt mit einer Feder, wie es einst die Ratsherren der Städte trugen.

Im Kostümfundus der Deutschen Oper – verteilt auf ihr Charlottenburger Stammhaus und ein Lager in Spandau – werden zehntausende Bühnenkleider aufbewahrt. Und „alljährlich kommen etwa 900 bis 1000 durch neue Aufführungen hinzu“, sagt Kostümdirektorin Dorothea Katzer. Deshalb wird regelmäßig nach Silvester aussortiert. „Was uns sehr schwerfällt“, seufzt sie. Denn die meisten Stücke wurden in den vier Schneiderwerkstätten der Oper mit der Hand gefertigt.

Das Auswahlkriterium heißt: Wiederverwendbarkeit. Je ausgefallener ein Stück ist, umso wahrscheinlicher kommt es in den Verkauf und wird für 20 bis maximal 280 Euro abgegeben. Und davon profitiert die Kundschaft.

Schließlich suchen Leute wie Johanna Jäger aus Hermsdorf Originalität. Die Medizinstudentin hat sich die Liebe zu Prinzessinnen aus ihrer Mädchenzeit bewahrt. Nun hofft sie auf das ultimative Prinzessinnenkleid. Ihr Freund und ihr Bruder assistieren, schleppen Kostüme fort, bringen neue an – bis sie ihren Traum überstreift: mit weiten Ärmeln und Rüschen, Falten und Spitzen, in zartem Rosa – fast wie Schneewittchen.

Beinahe rempelt sie in diesem Augenblick ein römischer Feldherr an, hinter ihr zieht eine Königin mit einer langen Schleppe vorbei, nebenan zupft ein preußischer Offizier an seiner blauen Uniform mit den adlergeschmückten Goldknöpfen. Jedes Kostüm trägt eine Nummer, sie verrät im Katalog, ob das Stück aus Parsifal, den Meistersingern, Falstaff, der Zauberflöte oder anderen Opern stammt und zu welcher Figur es einst gehörte.

Zwei Kölner Karnevalisten haben sich schon in den ersten zehn Minuten in Magiere verwandelt. Sie stürmen die Treppen hinab mit spitzen Zaubererhüten und flatternden schwarzen Umhängen.

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