Berlin : Schöne simulierte Welt

Die Messen der Zukunft setzen auf High-Tech

Christoph Stollowsky

Im Cabrio unterwegs sein, irgendwo in der Mark Brandenburg. Der Wind scheint übers Haar zu fegen, draußen ein knallgelbes Sonnenblumenfeld. Jetzt das kleine, sportliche Lenkrad nach rechts drehen, in der Kurve ein wenig Gas geben und den Wagen schön geradeaus in den Schatten einer mächtigen Eichenallee steuern – mitten in der Messehalle. Alles ist wie bei einer Spritztour ins Grüne. Tatsächlich sitzt man in einem Simulator mit raffinierten 3-D-Projektionen und neuer Technik. Noch ist das die Ausnahme und eher eine Vision für die Messe der Zukunft. Aber der Trend geht in Richtung High Tech. Immer mehr Aussteller versuchen, ihre Produkte möglichst lebensnah zu präsentieren. Am besten, die Messegäste können gleich alles testen und selbst erleben.

Die stärksten Impulse gibt der „Fachverband für Direkte Wirtschaftskommunikation“, ein Zusammenschluss der Messebau- und Eventfirmen. Dessen Vorsitzender Claus Holtmann denkt allerdings gleich an „ganze Produktgruppen“, wenn er über die Zukunft der Messe redet.

Kleine Städte will er in den Hallen aufbauen oder – je nach Messethema – wenigstens eine komplette Schulklasse, einen landwirtschaftlichen Betrieb, ein Büro oder die typische Familienwohnung. Der Messegast soll sich inmitten der neuen Produkte wie zu Hause oder wie am Arbeitsplatz fühlen und alles ausprobieren können. Ausstellungsstücke werden gleich am richtigen Platz „umweltbezogen“ vorgestellt – die neuen Kinderstühle, der Futterautomat, die Büro- oder Küchentechnologie.

Zur Zeit lernt man die meisten Produkte noch traditionell sortiert an den Ständen der Messegänge kennen. Auf der Berliner Funkausstellung beispielsweise Handys, TV-Geräte und dann in den Computerhallen die IT-Technologie. Der Bezug zur persönlichen Umgebung des Messegastes fehlt. Dass es auch anders geht, zeigte die Deutsche Telekom 2005 auf der weltweit größten IT-Messe „CeBIT“ in Hannover mit ihrem Telekom-Haus. In diesem Musterhaus, das später noch knapp eineinhalb Jahre lang an der Leipziger Straße in Berlin aufgebaut war, konnte man die zukunftsweisende High-Tech-Kommunikation für Privathaushalte vernetzt erleben und ausprobieren – von der Elektronik-Pinnwand bis zu E-Mail- und Telefon-Systemen.

Auch auf dem Berliner Messegelände gibt es solche Experimente. Auf der Grünen Woche sind ganze Laubenpieper-Areale zu besichtigen mit Gartenhaus samt Gärtchen, Geräteschuppen und raubvogelsicherem Kaninchengehege. Auf der Funkausstellung gibt es das elektronisch perfektionierte Schlafzimmer mit Funkwecker und Mega-Flachbildschirm für den Gute-Nacht-Thriller.

Der Trend gelte nur für die großen Publikumsmessen, sagt Wolfgang Rogall von der Messe Berlin. Fachmessen, die ausschließlich von der eigenen Branche besucht werden, entwickeln sich eher in die gegensätzliche Richtung: zurück zu mehr Nüchternheit, zu einer streng sortierten, sehr sachlichen Präsentation. Fachbesucher wollen Absatzchancen erkunden, Verkaufsgespräche führen, Kontakte knüpfen. Für eine simulierte Spritztour im neuesten Cabrio ist in ihrem Terminkalender kein Platz.

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