Schöneberg : Gastronomen kämpfen gegen den Gestank am Winterfeldtplatz

Auf dem Winterfeldtplatz stinkt es nach faulen Eiern. Verantwortlich sind Witterung und Kanalisation. Denn seit der Wende hat sich der Wasserverbrauch in der Stadt halbiert. Daher kommt das Abwasser an trockenen Tagen in den Kanälen nahezu zum Stillstand.

Christoph Stollowsky
Winterfeldplatz; Markt; Cafe TIM`S
An schlechten Tagen flüchten die Gäste vom Winterfeldtplatz - trotz Gullyteppich und Klebeband. -Foto: Laessig

Die Gäste draußen an den Tischen ergreifen die Flucht. Passanten auf dem Bürgersteig beeilen sich, weiterzukommen: Rund um den Winterfeldtplatz stinkt es zum Himmel. Seit etlichen Tagen steigt ein Geruch nach faulen Eiern aus den Gullydeckeln auf. „So schlimm wie in diesem Sommer war’s noch nie“, sagt Tim Coughlin, Inhaber von „Tim’s Canadian Deli-Restaurant“ am Winterfeldtplatz. Als Soforthilfe gegen den Gestank legte Coughlin Gummimatten über die Gullys vor seinem Lokal. „Das wirkt“, sagt er – es beseitigt aber nicht die Ursachen. Laut Berliner Wasserbetriebe (BWB) hat der üble Geruch drei Gründe: Zum einen die derzeitige Wetterlage mit viel Feuchtigkeit und Windstille, was eine Durchlüftung der Kanäle verhindert. Zum anderen die dramatisch zurückgehenden Abwassermengen Berlins. Dadurch verlangsamt sich der Durchfluss in den Kanälen, was Faulungsprozesse fördert. Und drittens nennt BWB-Sprecher Stephan Natz das Problem der Fettabscheider in Restaurants und Cafés: Fehlen diese Filteranlagen oder werden sie zu selten gereinigt, gelangen fetthaltige Abwässer aus der Gastronomie in die Kanalisation und verursachen Gärungsvorgänge.

Die Mischkanäle in Schöneberg mit einem Durchmesser von 30 bis 60 Zentimetern nehmen das gesamte Regenwasser und das Schmutzwasser der Haushalte auf. Um Gärungsprozesse zu verhindern, müssen sie gut durchlüftet sein. Deshalb sind im Abstand von etwa 60 Meter Schächte eingebaut, die in durchbrochenen Gullydeckeln enden. Normalerweise entsteht im Kanal zwischen den Deckeln ein Luftzug. Zurzeit aber laste die feuchte, schwere Luft eines Tiefdruckgebietes auf den Straßen und verhindere diese Durchlüftung, erklärt Natz. Beeindruckende Zahlen hat er zum Rückgang von Berlins Abwassermengen. Seit der Wende hat sich der Wasserverbrauch in der Stadt halbiert, weil viele Industriebetriebe geschlossen wurden und die meisten Haushalte heute mit wassersparenden Geräten ausgestattet sind. In der Folge kommt das Abwasser an trockenen Tagen in den Kanälen nahezu zum Stillstand, Fäkalien backen an den Wänden an. Gärungsprozesse, die normalerweise erst im Klärwerk ablaufen, beginnen schon in den Rohren. Übelriechender Schwefelwasserstoff entweicht. Entsprechend häufiger müssen die Kanalreiniger mit ihren Hochdruckspülern anrücken. Rund um den Winterfeldtplatz wollen die Wasserbetriebe nun prüfen, ob dort künftig öfter gereinigt werden muss.

Außerdem forcieren sie zur Zeit ein stadtweites Antigeruchsprojekt. Dabei werden dem Abwasser Salze und Eisenverbindungen zugesetzt, die Schwefelwasserstoff neutralisieren. Das soll nicht nur den Gestank, sondern auch Schäden verhindern. Denn Schwefelwasserstoff verwandelt sich in den Kanälen in aggressive Schwefelsäure, die „erschreckend schnell unsere Rohre zerstört“, sagt Stephan Natz. Allerdings könnten Spültrupps das Problem nicht alleine lösen. Dass es besonders am Winterfeldtplatz aus den Gullys stinke, hänge vermutlich auch mit den vielen Lokalen am Ort zusammen. Gemäß dem Abwassergesetz müssen sie ihr oft sehr fetthaltiges Abwasser durch einen Fettabscheider schicken, bevor es in die Kanalisation läuft. Doch es komme noch immer vor, „dass Fettabscheider fehlen oder nicht funktionieren, weil sie zu selten entsorgt werden.“ Dadurch setzte sich eine dicke Fettschicht in den Kanälen ab und beginne zu faulen. Anfang Juni forderten die Wasserbetriebe rund 6000 Wirte schriftlich auf, ihre Fettabscheider zu warten.

Ob die Geräte vorhanden sind, kontrollieren die Umweltämter der Bezirke. „In Schöneberg haben die meisten Betriebe einen Abscheider“, heißt es in der Behörde. Häufig würden diese „aber zu selten gereinigt“. Fragt man die Gastronomen am Winterfeldtplatz, heißt es allerdings überall, man gehe gewissenhaft damit um. In „Tim’s Canadian Deli-Restaurant“ hoffen die Kellner nun auf den nächsten Einsatz der Spültrupps. Bis dahin lassen sie die Gummimatten auf den Gullys liegen. „Als erste Hilfe.“

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