Berlin : Schöner bauen - teurer buddeln: Die Zeit des Schönrechnens soll jetzt vorbei sein

Eva Schweitzer

Größer, schöner, teurer: Nach diesem Motto errichtet das Land Berlin die meisten seiner Bauwerke. Das geplante Museum "Topographie des Terrors", das mit 36 Millionen Mark veranschlagt war, nun aber wohl 70 Millionen kosten wird, ist keine Ausnahme. Auch beim ICC, dem Kammermusiksaal, der Landespolizeidirektion oder dem ehemaligen Preußischem Landtag stiegen die Kosten teils auf das Vielfache. All diese Projekte haben eines gemeinsam: Zunächst wurde dem Parlament eine bescheidene Schätzung vorgelegt. Stand aber der Rohbau, kam Nachforderung um Nachforderung. Den Abgeordneten blieb dann kaum etwas anderes übrig als zuzustimmen.

Eines der spektakulärsten Beispiele ist der von Edgar Wisniewski errichtete Kammermusiksaal. Das Konzerthaus am Kulturforum, Ende 1987 unter Bausenator Georg Wittwer (CDU) eröffnet, hat letztlich, nach sechs Änderungsanträgen an das Abgeordnetenhaus, rund 150 Millionen Mark gekostet - 22 Millionen Mark waren zuallererst, 1972, veranschlagt gewesen. Auch die Planung änderte sich im Lauf dieser vielen Jahre immer wieder, sogar während des Bauens: Erst war von 600, später von 1136 Plätzen die Rede, mal von einer, mal von zwei Tiefgaragenebenen. Die Fassade wurde geändert, ein Verbindungstunnel zum Kunstgewerbemuseum kam hinzu, zudem Aufzüge. "Wir entdeckten irgendwann, dass Aufzugsschächte gebaut waren, aber das Geld für die Aufzüge selbst war nicht bewilligt", sagte Wolfgang Nagel (SPD), damals im Hauptausschuss. Erst nach der Eröffnung beichtete Wittwers Vorgänger Klaus Franke (CDU), das Projekt sei vor dem Baubeginn 1994 "aus taktischen Gründen auf unter 100 Millionen Mark gedrückt" worden, um das Ja des Finanzsenators zu erhalten.

Wenig später sollte Nagel, nunmehr selbst Bausenator, sein Waterloo erleben. Die Sanierung der Philharmonie kostete 63,5 Millionen Mark statt 45 Millionen. Der Grund war diesmal eine teure Rabitzdecke. Kulturbauten sind ohnehin oft schwierig: So wurde die Sanierung des Gropiusbaus 1977 unter Harry Ristock (SPD) mit 45 Millionen Mark angekündigt. Das ehemalige Kunstgewerbemuseum, von Martin Gropius entworfen, war eine Kriegsruine. Mit der Bauzeit stiegen die Kosten auf zunächst 53, dann 70 Millionen. 1981 drohte Baustopp. Kurz vor der Fertigstellung 1985, schon unter Wittwer, war man bei 115 Millionen Mark gelandet.

Da nehmen sich die Mehrkosten der Kripozentrale am Tempelhofer Damm beinahe bescheiden aus: Rund 406 Millionen kostete der Bau, 73 Millionen Mark mehr als geplant. Beim Technikmuseum am Gleisdreieck zog die damalige Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing (SPD) mittendrin die Notbremse: Es fehlten 100 Millionen an dem 140-Millionen-Mark Bau. Zwar stellte der Senat auf ein privates Finanzierungskonzept auf Leasing-Basis um, jedoch waren allein durch das Hin und Her die Kosten auf 180 Millionen Mark gestiegen.

Spitzenreiter ist jedoch das ICC. "Neues Kongreß-Zentrum für 100 Millionen Mark geplant", titelte der Tagesspiegel im Januar 1969. Zehn Jahre später kostete allein die Eröffnungsfeier 1,75 Millionen Mark. Fachleute klagten über Bau- und Sicherheitsmängel, Besucher verirrten sich im Bauch des Mammuts. Die Kosten waren auf vorläufige 800 Millionen Mark gestiegen, später war von eine Milliarde die Rede.

Dass auch viele Köche den Brei verderben, zeigte sich bei der Renovierung des neuen Abgeordnetenhauses. Hier plante die Senatsbauverwaltung im Auftrag einer Baukommission, in der alle Fraktionen des Landesparlaments vertreten waren. Bevor Anfang der 90er Jahre der Umzug vom Schöneberger Rathaus in den ehemaligen Preußischen Landtag beschlossen wurde, sprach Parlamentspräsident Jürgen Wohlrabe (CDU) von 41 Millionen Mark Baukosten. Während der Bauarbeiten stellte sich heraus, dass damit nur der Plenarbereich gemeint war. 1991 genehmigte das Abgeordnetenhaus eine Bauplanungsunterlage über 65 Millionen Mark, wenig später lag die erste Ergänzung über 28 Millionen Mark auf dem Tisch. Schlechte Bausubstanz, hieß es - als habe man das vorher nicht gewusst. Das Vorhaben kostete schließlich 163 Millionen.

Politiker mögen Kritik an Luxusbauten weniger gern. So warf Klaus Landowsky, damals CDU-Generalsekretär, dem Tagesspiegel "Kleinteiligkeit" vor - dieser hatte die Kostenexplosion beim Kammermusiksaal kritisiert. Man müsse eben, so Landowsky weiter, "Konzerne wie Bertelsmann oder Holtzbrinck nach Berlin einladen".

Bausenator Peter Strieder (SPD) will, dass die "Topographie" der letzte Landesbau ist, der schöngerechnet wurde. Künftig sollen Kosten von vornherein diszipliniert kalkuliert werden. "Die West-Berliner Zeiten sind vorbei", sagt seine Sprecherin Petra Reetz. Den Beweis kann die Verwaltung antreten, wenn sie den Bau des Holocaust-Mahnmals betreut. Das Mahnmal werde aber - so Strieder schon heute - mehr als die veranschlagten 15 Millionen Mark kosten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben