Berlin : Schöner Schein

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Von Christian van Lessen

Mal ehrlich: Wussten wir wirklich noch genau, wie der Reichstag aussah, bevor er von Christo und Jeanne-Claude, kunstvoll verpackt, im Sommer vor sieben Jahren für gut drei Wochen unseren Blicken entschwand? Wir hatten schnell die Feinheiten seines Gemäuers vergessen, nur eine graue, burgartige Masse in Erinnerung, die um so unwirklicher wurde, je länger sie hinter Planen verhüllt war. Viele in der Stadt, nicht nur die begeisterten Tourismus-Manager, wollten den Reichstag auf viel längere Zeit verpackt sehen. Kurz nach der weltberühmten Aktion verschwand der Reichstag wirklich hinter Bauplanen, weil er für Bundestag samt Kuppel ein neues Innenleben bekam. Und wieder geriet in Vergessenheit, wie er aussah, der Reichstag in seiner Ur-Gestalt.

So geht’s vielen Leuten, mit dem Brandenburger Tor. Dass wir unserem Wahrzeichen entwöhnt sind, ist bei rund 20 Monaten Verhüllungszeit kein Wunder. Selbst auf Postkarten ist das Tor mit neckischen Motiven versehen. Vor allem kleinere Kinder können kaum noch wissen, wie das Tor wirklich einmal aussah. Die Enthüllung hat vor wenigen Tagen begonnen, das rechte Torhaus ist ausgepackt – und doch fällt es kaum einem auf.

Auf der Hülle war, wir haben uns lange daran gewöhnen können, das Torhaus naturgetreu abgebildet. Nun, wo die Plane weg ist, ist alles irgendwie beim Alten geblieben. Die Sanierer und Restauratoren mögen es heftig bedauern - aber der große Aha-Effekt der Betrachter lässt auf sich warten. Vielleicht kommt er noch, Anfang Oktober, wenn das wirklich große Tor von den Tor-Planen enthüllt wird. Viele könnten es nur merken, weil die Telekom-Reklame fehlt. Wir gewöhnen uns schnell an schönen Schein.

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