Berlin : Schönes Theater um die Gunst deutscher Eltern

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Von Amory Burchard

Was für ein Theater. Hofmathematikerin Dilek errechnet, dass der Mond zu weit weg ist, um ihn der kranken Prinzessin zum Geschenk zu machen. Hofnarr Pascal holt ihn dann einfach vom Baum, als er im Wipfel hängt. König Gino stöhnt nach dem letzten Vorhang: „So viel Text.“ Und Erhard Laube, der Mann, der hinter den Kulissen die Fäden zieht, strahlt. Mit diesem Theater kann sich die Spreewald-Grundschule sehen lassen. Laube kämpft wie viele Schulleiter in Problembezirken um die Gunst deutscher Eltern. Das Stück „Die Prinzessin und der Mond“ soll ihm dabei helfen.

Die Grundschule in der Pallasstraße (Schöneberg) war ganz unten angekommen. „Ausländer-Schule mit Gewalt, Randale und wenig Leistung“, raunten sich Eltern und Kindergärtnerinnen rund um den Winterfeldtplatz warnend zu. Wer etwas für seine Kinder tun wollte, machte einen großen Bogen um die Spreewald-Grundschule. Über 80 Prozent Kinder nichtdeutscher Herkunft, da konnte von Integration keine Rede sein. Schon vor Pisa wussten die Eltern: Gute Schüler wachsen nur in einem intakten sozialen und kulturellen Umfeld heran. Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, brauchen sprachliche Vorbilder. Zwei deutsche Kinder in der Klasse können das nicht leisten.

Als Laube vor zweieinhalb Jahren die Leitung der Schule übernahm, hatte er eine Vision: Die Spreewald-Grundschule sollte „eine Magnetschule im sozialen Brennpunkt“ werden. Zur zweisprachigen Alphabetisierung für die türkischen Kinder, zu der Laube nach wie vor steht, kam der Theater-Schwerpunkt. Nicht nur eine AG sollte es geben, sondern Rollenlernen, Spielen und Bühnenpräsenz für alle Kinder ab der ersten Klasse. Laube engagierte einen Spielleiter und holte Schauspieler an die Schule.

Sieben Stücke haben die Spreewald-Kinder jetzt im Repertoire. Mit denen tingelt Laube durch die umliegenden Kitas, um Werbung zu machen. Eltern sind zu den jährlichen Theaterwochen eingeladen. Auch statistisch sei der Erfolg schon messbar, sagt der Schulleiter: Zum neuen Vorschuljahr hat er in allen Vorklassen erstmals einen 50-prozentigen Anteil Kinder mit deutscher Muttersprache. In fünf Jahren, glaubt Laube, sieht es in der ganzen Schule so aus.

Die Klassenlehrerin der 3a, die gestern mit dem fast einstündigen Kinder-Theaterstück „Die Prinzessin und der Mond“ Premiere hatte, ist nicht nur mit den schauspielerischen Leistungen der Kinder zufrieden. „Sie haben nach drei Jahren Theaterunterricht auch keine Hemmungen mehr, vor der Klasse frei zu sprechen.“ Elf deutsche und elf türkischstämmige Kinder sind in der Klasse – das ist in den zweisprachigen Zügen an der Spreewald-Schule schon lange so. Egal welcher Herkunft, sagt Lehrerin Dagmar Haberstroh, sprächen und läsen die Kinder jetzt deutlicher und mit Betonung – und fragten sofort, wenn sie etwas im Text nicht verstehen. Auch ihre Eltern wurden beim Lernen der Rollen voll eingespannt. Sogar „bildungsferne“ Eltern, die normalerweise nicht bei den Hausaufgaben unterstützen könnten, seien plötzlich hochmotiviert, sagt der Schulleiter. Gewissenhaft fragen sie Rollen ab. Schließlich sollen die Kinder die Familie auf der Bühne nicht blamieren. Auswendiglernen, die Disziplin, eine einstündige Rolle durchzuhalten – das helfe den Kindern auch beim Sprung auf höhere Schulen. Bislang besucht nur ein knappes Drittel der Spreewald-Schüler später das Gymnasium.

„Die Prinzessin und der Mond“ ist ein spannendes, lehrreiches Stück mit Rollen für 22 Kinder. Der Königshof liegt irgendwo im Orient. Die Sprache aus dem 19. Jahrhundert ist kaum modernisiert. „Ich versah Euch mit Siebenmeilenstiefeln“, sagt die neunjährige Hofzauberin stolz zum König. Und der Oberhofmarschall fragt untertänigst: „Majestät haben mich rufen lassen?“ Hofnarr Pascal bringt es nach der Aufführung in der Garderobe auf den Punkt: „Wir sind eigentlich eine ganz normale Schule, nur dass wir auch Türkisch lernen und Theater machen.“

Die Theater-Schule im Internet unter: www-Spreewald-Grundschule.de

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