Berlin : Schöööön pressen…

… aber wo? Im Wasser oder am Strick? Im Geburts- oder im Krankenhaus? Mit Hebamme oder Frauenärztin? Berlin bietet werdenden Eltern viel – zu viel. Hier eine kleine Orientierungshilfe. Drei Mütter berichten. Und jede Menge Adressen

EIN INFOABEND IN DER KLINIK – NÜTZLICH UND NERVIG

Ich bin nicht bauchfixiert. Will sagen: Als ich mit Victoria schwanger war, habe ich nicht sehr drauf geachtet, was sich da drin tat. Andere Mitschwangere belegten Kurse und studierten die Ultraschallfotos, bis sie in ihren Händen fast auseinanderfielen. Ich fand die Bilder eher… naja… sie machten mich eben nicht sentimental. Das Kind war gesund, das reichte mir. Ich muss da nicht zur Geburtswissenschaftlerin werden.

Dann sollte ich mich für eine Klinik entscheiden. Und ich und mein Mann gingen zu einer Klinikveranstaltung. Kliniken werben ja heute um Mütter wie die US-Armee um Rekruten, und so bietet fast jedes Krankenhaus Abende an, an denen werdende Eltern all ihre Fragen stellen dürfen. Und die Fragen kamen. Die meisten Mitschwangeren samt der Ehemänner schienen mindestens drei Fachbücher zum Thema gelesen zu haben und wussten besser Bescheid als ein Medizinstudent kurz vorm Physikum. Alles, aber auch alles, bis zur letzten Schwangerschaftsblähung, wurde genüsslich vor dem Plenum ausgebreitet. Ausfluss! Dammschnitt! Milchstau! Und kann man hier auf dem Gebärhocker…? Und wieso nicht am Strick…?!?

Mein Mann fragte dann, ob auch ein Fernseher da wäre, fürs Sportschaugucken, falls das Kind an einem Samstag auf die Welt wollte. Jawohl, war er. Am Ende des Abends wurden Vorwehenzimmer und Kreißsaal besichtigt. Ich war erleichtert zu sehen, dass in beiden Betten vorhanden waren.

Infoabende für Eltern macht fast jedes Klinikum, hier eine Auswahl.

Im Virchow-Klinikum der Charité finden die Informationsabende an jedem ersten Dienstag um 19 Uhr im Hörsaal 6 (Mittelallee 10, auf dem Gelände) statt, Anfahrtsadresse: Augustenburger Platz 1. Mit Kreißsaalbesichtigung. Die nächsten Termine: 6. Februar und 6. März.

Am Perinatalzentrum des Vivantes Klinikums Neukölln finden die nächsten Infoabende am Montag, 5. Februar, 20 Uhr, und am Montag, 12. Februar, 20 Uhr, statt; mit Kreißsaalführung. Adresse: Casino im 2. Obergeschoss des Mutter-Kind-Zentrums am Kormoranweg.

FRAUENÄRZTIN ODER HEBAMME? EIN PLÄDOYER

Zum Kinderkriegen braucht man vor allem eins: Zuversicht. Mag sein, dass es manche Frauen zuversichtlich stimmt, alle vier Wochen ultrabeschallt zu werden und andauernd zusätzliche Tests angeboten zu bekommen – bei mir war das Gegenteil der Fall. Dazu kam der ständige Hinweis „in Ihrem Alter!…“, der mehr und mehr wie eine Drohung klang. Mit über 40 noch ein Kind zu erwarten, ist eine Gnade – kein Grund zur Panikmache.

Als meine Frauenärztin mir ohne ein Wort der Beratung die Fruchtwasseruntersuchung aufnötigen wollte, war ich außer mir. Ultraschall und Bluttests hatten bereits ergeben, dass mein Risiko, ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen, bei eins zu über 1300 stand. Ich konnte diese Untersuchung, bei der mit einer Nadel in die Fruchtblase gepiekt und Fruchtwasser entnommen wird, nicht verantworten. Mein Mann und ich fällten unsere erste Entscheidung als Eltern: Der Mensch, der da heranwuchs, war unser Kind. Das durfte auf die Welt kommen, wie es war. „Ärzte sehen vor allem, was schiefgehen kann. Hebammen gehen davon aus, dass alles glatt läuft“, hatte meine Hausärztin gesagt. Ich trennte mich von der Frauenärztin und suchte mir eine sogenannte Beleghebamme, die uns vor, während und nach der Geburt betreuen sollte.

Von da an lief es prächtig. Meine Hebamme war genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte: rundlich, mütterlich und resolut, selbst Mutter dreier Kinder und Helferin bei zahllosen Geburten. Fortan musste ich nicht mehr alle vier Wochen in eine Arztpraxis fahren und für zwei Minuten Sprechzeit eine Stunde warten. Ich wurde von der Hebamme besucht und hatte jedes Mal eine Stunde Zeit, um meine Fragen loszuwerden. Die Schwangerschaft verlief – trotz meines Alters! – komplikationsfrei.

Am 23. Dezember sollte unser Sohn geboren werden. Am 4. Dezember legten wir uns auf den Namen Nikolas fest, am 6. Dezember um zwei Uhr morgens setzten die Wehen ein. Ich hatte anderthalb Stunden geschlafen, mein Mann überhaupt nicht. Um sieben riefen wir die Hebamme an, die uns während der restlichen Eröffnungswehen beistand und uns um 14 Uhr in die Klinik fuhr. Während der gesamten Geburt war sie bei uns. Das dauerte! Am Ende zog eine Assistenzärztin mit der Saugglocke, die Hebamme machte den Dammschnitt, die Oberärztin lag auf meinem Bauch, mein Mann hielt mich um die Schultern. Nach insgesamt 18 Stunden beförderten wir mit vereinten Kräften unser kerngesundes Baby auf die Welt – und alles war gut. Susanna Nieder, 41

Infos zu Hebammen in Berlin gibt es im Internet unter www.berliner-hebammenverband.de. Telefonisch kann man beim Verband eine Hebammenliste bestellen unter 694 61 54.

KLINIK ODER GEBURTSTHAUS? EIN ERFAHRUNGSBERICHT

Im Krankenhaus wird man nur krank. Da wollte ich mein Kind nicht bekommen. Doch mein Sohn hatte schon vor seiner Geburt seinen eigenen Kopf, und der lag unter meiner rechten Brust, sein kleines Hinterteil über der linken Hüfte. An eine normale Geburt war nicht zu denken. Doch selbst dafür gibt es eine Lösung, die so viel Geburtshaus wie möglich und so wenig Klinik wie nötig bedeutet. Im Geburtshaus betreuen Hebammen die Schwangeren bis zur, während und nach der Geburt. Der Aufwand an Geräten ist geringer als in der Klinik, und in der Regel ist bei der Geburt kein Arzt dabei. Mein erster Sohn ist per Kaiserschnitt in der Fera in Tempelhof geboren worden. Die Hebammen dort arbeiten mit Frauenärzten zusammen, die im Fall der Fälle den Operationssaal des Wenkebachkrankenhauses nutzen können. Beim zweiten war es ganz klar, dass auch er in der Fera zur Welt kommen sollte. Im Krankenhaus hätte ich nach dem Kaiserschnitt wieder eine Operation verordnet bekommen. In der Fera war eine normale Geburt möglich. Am Ende habe ich das Kind stehend geboren, meine Hebamme fing ihn auf, und er guckte ganz erstaunt. Dagmar Dehmer, 41

Es gibt in Berlin sechs Geburtshäuser. Alle Adressen samt Terminen der nächsten Infoabende finden sich im Internet unter www.kinder-berlin.de. Die Fera ist unter www.fera-berlin.de zu finden.

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