Berlin : Schokolade am Fallschirm

Die Erinnerungen des „Candy Bombers“ Gail S. Halvorsen handeln von Kriegskindern und Hoffnung

Helmut Trotnow

Er hat die Geschichte hundert, wenn nicht gar tausend Mal erzählt. Die Rede ist von Gail S. Halvorsen, Pilot der US-Luftwaffe bei der Berliner Luftbrücke 1948/49. Als „Schokoladenflieger“ und „Onkel Wackelflügel“ ist er in die Geschichtsbücher eingegangen. Wie es dazu kam und was es mit dieser Geschichte auf sich hat, ist nun in seinen Erinnerungen nachzulesen. Die Edition Grüntal hat es möglich gemacht und ließ das Original von 1997 ins Deutsche übertragen. Es ist ein wunderbares Buch geworden, das viel Stoff zum Nachdenken bietet. Die Berliner Schulen sollten es zur Pflichtlektüre machen.

Gleich zu Beginn seines Berlin-Einsatzes hatte Halvorsen die vom Krieg zerstörte Hauptstadt der Deutschen besichtigen wollen. Am Rande des Flugfeldes von Tempelhof traf er auf eine Gruppe Berliner Kinder. Bei seinen Einsätzen während des Zweiten Weltkriegs in Südamerika hatte er erlebt, wie Kinder auf die amerikanischen Soldaten zugingen und um Süßigkeiten bettelten. Die Berliner Kinder waren anders. In ihren Augen spiegelte sich die ganze traurige Kriegserfahrung. Sie wollten mit ihm reden, auch wenn die Englischkenntnisse äußerst dürftig waren. Das Treffen berührte den jungen Amerikaner zutiefst, und er sann nach, wie er den Kindern eine Freude bereiten konnte. So entstand die Idee, Süßigkeiten aus dem Flugzeug abzuwerfen. Schokolade und Kaugummi gehörten zu seiner wöchentlichen Essensration. Taschentücher würden als Mini-Fallschirme dienen, und zur Erkennung konnte er mit den Flügeln wackeln.

Der spontane Entschluss hatte ungeahnte Folgen. Wie ein Lauffeuer sprach es sich herum, dass für die Kinder in Berlin Schokolade vom Himmel regnete. Zum Glück erkannten die Vorgesetzten sofort, dass die eigenwillige Aktion ihres Untergebenen wie ein Aufputschmittel auf die Berliner Bevölkerung wirkte. Statt vor ein Militärtribunal wegen Ungehorsams schickten sie ihn auf eine „Good Will“-Tour an die Ostküste der USA. Eine große Sammelaktion begann. Als sich der Verband der Süßwarenhersteller in den USA daran beteiligte, wurde sie richtig professionell. Bei der Ankunft der ersten 1600 Kilogramm Schokolade entfuhr es einem Mitglied seiner Crew: „Das reicht aus, um auf dem Schwarzmarkt Schloss Schwanstein zu kaufen.“

So schön die Geschichte im Rückblick auch anmutet, sie war alles andere als selbstverständlich. Halvorsen verschweigt keineswegs die Vorbehalte, die er und seine Kameraden gegen den Kriegsgegner hatten. Aber sie wollten nach vorn schauen. Die wahre Bedeutung dieser Episode liegt denn auch wesentlich tiefer, wie es eines der Kinder von damals formulierte, die Halvorsen 1998 zum 50. Jahrestag der Luftbrücke traf. „Ohne Hoffnung“, sagte der mittlerweile ältere Herr, „stirbt der Geist. Man kann mit wenig Nahrung auskommen, nicht aber ohne Hoffnung.“

Bis heute engagiert sich Halvorsen für den Gedanken der Luftbrückenhilfe. Mehrfach wurde er vom Oberkommando der US-Luftwaffe eingesetzt. Auch in den USA tritt er regelmäßig auf, um die Erinnerung an die Berliner Luftbrücke lebendig zu halten. Nicht zuletzt deshalb wurde er 2002 ausgewählt, bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City die Fahne des deutschen Teams zu tragen.

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