Berlin : Schokolade vor die Hunde

Wolfram Siebeck

Es gibt Kaffeekannen in Form einer sitzenden Katze. Die Kannengießer müssen sich Frau Hoffmann als Modell gewählt haben. Denn wenn sie, wie jetzt, kerzengerade auf dem Teppich sitzt, regungslos und mich aufmerksam fixierend, gleicht sie einer dieser schwarz-weißen Kaffeekannen, die auf Flohmärkten leben.

In dieser Stellung verharrt sie häufig, wie jemand, der einem Maler Modell sitzt. Die Sitzung beendet sie immer mit einer Frage, an deren Formulierung sie in ihrer meditativen Starre intensiv gearbeitet hat. Kann auch sein, sie hat sitzend geschlafen. Jedenfalls hat sie ihre Frage fertig, als sie das Maul öffnet: „Wie viel sind 20 Gramm?“

Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ihre Kenntnis von Zahlen, Mengen und Maßen gering ist. So sehr wir das Niveau ihrer Allgemeinbildung bewundern, mit Mathematik hat Frau Hoffmann nichts am Henkel. Deshalb antworte ich kurz und bündig: „20 Gramm sind zweimal 10 Gramm.“

Das sagt ihr erwartungsgemäß wenig. Also hakt sie nach: „Und zwanzig Gramm Schokolade?“

„Wieso Schokolade? Du magst doch keine Schokolade.“

„Ich nicht. Aber Hunde mögen sie.“

„Ja, und Pferde auch. Und Eichhörnchen und Affen und Schweine und Ratten. Schokolade scheint die Lieblingsdroge vieler Tiere zu sein.“ Menschen erwähne ich erst gar nicht. Weihnachten ist gerade erst vorbei, und Frau Hoffmann dürfte selber gesehen haben, wie verrückt Menschen auf Schokolade sind. Aber ich bin neugierig geworden.

„Was ist mit den 20 Gramm? Meinst du 20 Gramm Schokolade?“

Sie grinst bejahend und bewegt sich jetzt zum ersten Mal, indem sie mit der Pfote über ihren Schnurrbart streicht.

„20 Gramm genügen, um einen kleinen Hund umzubringen“, schnurrt sie gut gelaunt.

Ich bin verblüfft. „Wer sagt das?“

„Das stand in der Süddeutschen Zeitung. Die Schokolade muss aber bitter sein, und möglicherweise braucht man dafür auch 30 Gramm.“

„Für einen kleinen Wauwau? Kennst du noch andere Rezepte dieser Art?“, frage ich erschüttert.

„Leider nicht“, antwortet sie ernsthaft. „Deshalb möchte ich gern wissen, wie viel Schokolade man braucht, um große Hunde umzubringen.“

Da diskutieren besorgte Gutmenschen darüber, ob man Videospiele für Kinder verbieten soll, und gleichzeitig geben überregionale Zeitungen Anweisungen, wie man unsere bellenden Mitbürger umbringen kann.

Wenn ich es genau überlege, dürfte es allerdings schwierig sein, einem Hund eine so bittere Schokolade schmackhaft zu machen, wie sie zur Zeit in Mode ist. Eher trinkt Frau Hoffmann Lebertran, als dass Nachbars Fifi Schokolade mit einem 80-prozentigen Kakaoanteil schluckt.

„Mach dir keine Hoffnung“, sage ich deshalb. „Deine vierbeinigen Feinde werden noch bellen, wenn die Menschheit das Interesse an Bitterschokolade längst verloren hat.“

„Nicht wahr“, sagt sie nach einer gedankenvollen Pause, „immer die gleiche Sorte Brekkies würdest du auch nicht mögen, oder?“

„Nein, würde ich nicht.“

„Gibt es denn kein anderes Mittel gegen die kläffende Bande?“

„In Hameln gab es vor vielen Jahren einen Mann, der hat die Stadt von der Rattenplage befreit“, beginne ich.

Aber Frau Hoffmann winkt ab. „Vor vielen Jahren haben wir mal in Berlin gewohnt. Und was habe ich heute davon? Ich sitze hier auf dieser alten Burg, und wenn ich zum Fenster hinausblicke, was sehe ich? Tausend neue Häuser, und in jedem Haus wohnt ein Hund. Also lass mich mit dem Schokoladenverkäufer von damals in Ruhe.“

Eine interessante Idee, dass in Hameln ein Schokoladenverkäufer am Werk gewesen sein könnte. Wer weiß, ob nicht auch an anderen Orten. . .? „So lange ist das nun wieder nicht her. Und was glaubst du denn, was du vom Fenster aus sehen würdest, wenn wir in Berlin wohnten?“

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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