Schon 5600 Bewerber in Berlin : Bin Tierarzt, will Lehrer werden

Beim Senat haben sich 5600 Bewerber gemeldet. Und noch viel mehr haben Interesse am Lehrerjob – die Telefone stehen nicht mehr still. Aber die Warnungen vor überforderten Seiteneinsteigern werden lauter.

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uSieht aus wie eine Quizshow. Ist aber nicht spaßig. Die Kinder sollen schließlich vor richtigen Lehrern sitzen. Zur Lehrer-Hotline gehören Holger Kuhring, Barbara Schäfer, Benno Linne, Dirk-Christian Stötzer und Roger Kutschki (v.l.n.r.) Ruby Mattig-Krone fehlte am Mittwoch.
uSieht aus wie eine Quizshow. Ist aber nicht spaßig. Die Kinder sollen schließlich vor richtigen Lehrern sitzen. Zur...Foto: Alice Epp

Eigentlich sollte Dirk-Christian Stötzner jetzt in aller Welt unterwegs sein, um seine fünf erwachsenen Kinder zu besuchen. Das war der Plan für die Zeit nach der Pensionierung. Aber nach zwei Tagen wurde er zurückgeholt: Jetzt sitzt der langgediente Schulrat in einem Büro der Schulverwaltung am Alex und erklärt Hunderten Anrufern, ob sie Chancen auf einen Lehrerjob haben. Und diesen Job wollen viele antreten: 5600 Bewerbungen liegen mittlerweile vor.
Stötzner ist nicht der Einzige hier. Sechs Mitarbeiter sitzen vor den Telefonen, um die dringendsten Fragen zu klären und ungeeignete Interessenten von einer Bewerbung abzuhalten. Seitdem die Bildungsverwaltung die Ausschreibung für berufliche Quereinsteiger geöffnet hat, ist das Interesse enorm: Von der Filmautorin bis zum Tierarzt reicht die Palette der Anrufer. Auch Bankangestellte oder und berufsuntaugliche Piloten sind bei denen, die ihr Heil in einer gut bezahlten unbefristeten Stelle suchen; die es satt haben, sich von einem Fristvertrag zum nächsten zu hangeln. „Es sind viele Leute, die aus der Not heraus zu uns wollen“, fasst Stötzner seine Eindrücke zusammen. „Das sagt viel über den Berliner Arbeitsmarkt aus“, findet Stötzners Kollege Holger Kuhring, der ebenso wie Berufsschulfachmann Roger Kutschki direkt aus der Pensionierung zurückgeholt worden war, um der Hotline zu helfen.

Bewerberflut: Der Posteingang in der Bildungsverwaltung nach der allgemeinen Öffnung der Ausschreibungen für Seiteneinsteiger.
Bewerberflut: Der Posteingang in der Bildungsverwaltung nach der allgemeinen Öffnung der Ausschreibungen für Seiteneinsteiger.Foto: Alice Epp

Nicht allen Bewerbern geht es allerdings um die finanzielle Sicherheit. Manche wollen sich nur beruflich verändern, wie der Polizist, der wissen wollte, ob er bei einem Wechsel in den Schuldienst seine Verbeamtung behalten kann oder der Juniorprofessor, der dem Universitätsbetrieb entfliehen möchte.
Die Beratung frisst Zeit – Zeit, die die Personalstelle nicht hat. Sie sitzt eine Etage tiefer und kämpft gegen die Flut der 5600 Bewerbungen an, die online vorliegen, sich aber auch in überquellenden Postkörben niederschlagen.

Außerdem sitzen auf dem Flur Menschen, mit denen Gespräche geführt werden müssen. Niemand weiß bislang, wie es gelingen soll, die immer weiter wachsende Zahl von Bewerbungen zu bewältigen und so auszuwählen, dass Mitte August die richtigen Leute vor den Schülern stehen.
Im Mai sollen bereits die Castings stattfinden, aber bislang reihen sich in den Regalen der Personalstelle erstmal die Aktenordner aneinander, von denen viele den Hinweis „Quer“ für „Quereinsteiger“ tragen. Die Lage in der Personalstelle sei „chaotisch“, sagt ein Mitarbeiter.
Es rufen aber nicht nur Quereinsteiger an, sondern auch ausgebildete Lehrer. „Erfreulich viele“ seien dabei, berichtet Stötzner. Manche wollten aus Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Baden- Württemberg zu ihrem Ehepartner nach Berlin umziehen. Sie nehmen in Kauf, dass sie hier nicht verbeamtet werden.

Bisher gibt es für die über 1700 zu besetzenden Stellen rund 2300 Bewerber mit Lehrerausbildung. Aber das reicht nicht, weil viele von ihnen erfahrungsgemäß in andere Bundesländer abwandern. Daher kommen die rund 3300 Bewerbungen von Quereinsteigern ins Spiel.
Um diese Zahl kreisen viele Sorgen, denn einigen Quereinsteigern fehlt nicht nur ein pädagogisch-didaktisches Studium und das Referendariat, sondern auch ein zweites Fach. Ihnen sollen die Universitäten mit einem berufsbegleitenden Studium zur Seite stehen. Geplant ist, dass die Neulinge 19 Stunden unterrichten, während sie parallel zunächst das Zweitfach studieren und später das Referendariat nachholen.

Harsche Kritik von der Freien Universität

Zurzeit verhandelt die Bildungsverwaltung die Konditionen für dieses Zusatzstudium. Von nur 18 Monaten Studiendauer sei die Rede, empört sich Brigitte Lutz-Westphal, die an der FU die Mathematikdidaktik verantwortet. Es sei den Neulingen und den Schülern gegenüber „ethisch nicht vertretbar“, wenn die Quereinsteiger bereits derart viel unterrichteten, während sie weder ihr Zweitfach noch die entsprechenden Unterrichtsmethoden beherrschten. Das sei eine „Gefahr“ auch für Schüler. Andere Fachleute sprechen von einer „dramatischen Schlechterstellung des Unterrichts“.
Die Sprecherin der Bildungsbehörde, Beate Stoffers, betont, über den Umfang des berufsbegleitenden Studiums sei noch nicht entschieden. Im Übrigen hätten die ausgebildeten Lehrer selbstverständlich Vorrang. Ihre Bewerbungen werden weiterhin angenommen, während bei den Quereinsteigern erst mal Bewerbungsstopp herrscht. Bei der Hotline dürfte es jetzt daher bald ruhiger werden.

Rollenwechsel: Normalerweise bilden Barbara Schäfer und Benno Linne das Team der Beschwerdestelle. Jetzt helfen sie bei der Hotline aus.
Rollenwechsel: Normalerweise bilden Barbara Schäfer und Benno Linne das Team der Beschwerdestelle. Jetzt helfen sie bei der...Foto: Alice Epp

Die Idee zu der erweiterten Hotline hatte Oberschulrat Benno Linne, der zusammen mit Dirk-Christian Stötzner seit 2008 zur Beschwerdestelle der Bildungsverwaltung gehört. Er war es, der Stötzner vorschlug, kurzzeitig aus der Pensionierung zurückzukommen. Zu ihrer "Mannschaft" gehören neben Kutschki und Kuhring, der vorher Leitender Schulrat in Charlottenburg-Wilmersdorf war, auch zwei Frauen: Zum einen die Qualitätsbeauftragte von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), Ruby Mattig-Krone, zum anderen Stötzers Nachfolgerin Barbara Schäfer.

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