Berlin : Schon die Jüngsten haben Brieffreunde in der Bretagne

Doch Französisch ist an Berlins Schulen auf dem Rückzug – immer weniger bieten es an. Ein Besuch bei einer Klasse in Hellersdorf

Constance Frey

„Wer will heute mal Lehrer sein?“, fragt Petra Schaumburg-Müller. „Ich, ich!“ Mehrere Finger gehen hoch. Justin Krämer bekommt den Zuschlag – und einen Ball in die Hand. Er stellt sich vor die Klasse, wirft Danny Standfuß den Ball zu: „Sag mir die Zahl zwölf!“ Danny überlegt ein wenig, dann sagt er: „Douze!“ und wirft den Ball an Justin zurück, der schon die nächste Frage parat hat. Im Unterricht von Petra Schaumburg-Müller lernen elf Kinder der Hellersdorfer Kolibri-Grundschule spielerisch Französisch. Damit sind sie die Ausnahme, denn die meisten Schüler entscheiden sich für Englisch.

Seit dem Schuljahr 2002/2003 müssen sich alle Kinder in Berlins Schulen in der dritten Klasse für eine Fremdsprache entscheiden. In Hellersdorf gibt es schon seit 1995 Französisch-Kurse in der Grundschule, Petra Schaumburg-Müller bietet auch einen Schnupperkurs für Zweitklässler an, den auch Eltern besuchen können.

In der Klasse hängen rot-weiß-blaue Wimpel, ein Plakat der Region Poitou-Charentes - und die Tigerente von Janosch wirbt mit dem kleinen Bären für Frankreich. Rechts an der Wand hängen Schilder, auf denen bunte Gegenstände mit ihrer französischen Bezeichnung stehen. Die Kinder zeigen stolz, was sie schon alles können: Zahlen, Farben, kurze Sätze. „Je m’appelle Anne – ich heiße Anne“ und „J’ai neuf ans – ich bin neun Jahre alt.“

„Sie können nach der dritten und vierten Klasse einfache Sätze und Wendungen sagen“, erklärt die Lehrerin. Der Schwerpunkt liegt im Mündlichen. Daher lassen einige Lehrer in den ersten Jahren auch überhaupt nichts schreiben. Hier besitzt aber jedes Kind einen „cahier trésor“, ein Schatzheft, original aus Frankreich, in dem sorgfältig alle neuen Wörter notiert werden. Sonst singen die Kinder Lieder über die Tiere im Zoo, lernen Reime von Schneeflocken auswendig und schreiben Briefe an ihre Partnerschule im bretonischen Avrillé. Vor Weihnachten haben sie zuletzt Grüße geschickt, jetzt warten sie ungeduldig auf die Antwort aus Frankreich.

Die Kinder haben sich mit ihren Eltern für den Sprachunterricht entschieden. Christopher Matlik war noch nicht in Frankreich, aber seine Schwester. „Die essen da abends Pommes.“ Ali Saleh ist bis ganz oben auf den Eiffelturm gestiegen, etwas zu hoch für seinen Geschmack. „Da gehe ich nicht mehr hin!“ Aber die Sprache findet er schön: „Englisch ist ja eigentlich zu leicht.“ Bei Jessica Debrah kam der Impuls aus der Familie. „Meine Mutter spricht Französisch.“ Keine ganz einfache Wahl, denn bis zur sechsten Klasse kann man die Sprache nicht mehr wechseln. „Deswegen war die Zahl der Kinder, die Französisch gewählt haben, rückläufig“, sagt Petra Schaumburg-Müller. Zusammen mit ihren Kollegen aus den Englischkursen hat sie sich daher für die französische Sprache eingesetzt. Denn die Englischkurse werden durch andere Sprachangebote entlastet. „Es geht auf keinen Fall um eine Wahl zwischen Englisch und Französisch. Englisch ist sehr wichtig“, sagt sie. Aber Französisch gibt den Kindern ein Plus mit auf den Weg. Bei den Eltern ist die Aufklärungsarbeit offenbar angekommen, denn seit diesem Jahr melden sich in Hellersdorf wieder mehr Kinder für den Französischunterricht an.

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