Berlin : Schon seit längerem können sich die Veranstalter nicht auf ein neues Konzept einigen

Rainer W. During

Glockenklang tönt aus den Lautsprechern, Kinder singen vom Frieden, und auf der Bühne bittet Frau Holle den Nachwuchs zum Spiel. Doch in das Gebimmel haben sich Misstöne gemischt. Hinter den Kulissen des Spandauer Weihnachtsmarktes geht es alles andere als friedlich zu. Während das Freiluftspektakel zur Halbzeit wieder auf knapp eine halbe Million Besucher zurückblicken kann, ist erneut der Streit um die Zukunft des Marktes entbrannt.

Die drei "Weisen" heißen in diesem Fall nicht Caspar, Melchior und Balthasar, sondern Klaus-Jürgen Rödiger, Uwe Rösler und Lothar Thöns. Sie sind Vorsitzende von Wirtschaftshof, City Management und AG Altstadt, doch ebenso wie die drei biblischen Gestalten wäre dem Trio ein Stern der Erleuchtung dienlich. Denn bei der Diskussion, wie der Budenzauber ins neue Jahr geführt werden kann, hat man sich offenbar unversöhnlich entzweit.

Seit einem Vierteljahrhundert ist die aus dem Wirtschaftshof hervorgegangene Arbeitsgemeinschaft Organisator des flächenmäßig größten Weihnachtsmarktes Deutschlands. Die Gewinne werden in andere Spandauer Festivitäten investiert. Doch seit Jahren mehren sich die Stimmen derer, die frischen Schwung und neue Konzepte fordern und damit auch Gehör im Rathaus finden. So blieb die AG im Jubiläumsjahr 1998 Alleinveranstalter, sollte in diesem Jahr die anderen Gruppierungen beteiligen und 2000 ihre Erfahrungen in ein neues Organisationskomitee unter Führung des dann mit dem City-Management fusionierten Wirtschaftshofes einbringen. Alle schienen glücklich über diesen Kompromiss, doch die Freude währte nicht lange.

Bereits 1998 verließ die Arbeitsgemeinschaft das gemeinsame Büro mit den anderen Wirtschaftsverbänden noch vor dessen Eröffnung. Der im City-Management engagierte Chef des Spandauer Karstadt-Kaufhauses, Manfred Fillinger, trat verärgert aus der AG aus. Diese blieb prompt außen vor, als der Wirtschaftshof zur Wiedereröffnung des renovierten Kaufhauses im Herbst ein eigenes Straßenfest organisierte und offen als Gegenkonzept zum üblichen Altstadtrummel propagierte. Statt Vertreter für das Komitee zu benennen, hat die AG Altstadt jetzt wieder einen eigenen Antrag für den Weihnachtsmarkt 2000 gestellt.

Anlass für Kulturstadtrat Gerhard Hanke, zu einer Krisensitzung einzuladen, bei der es dem Vernehmen nach alles andere als "himmlisch" zuging. "Alle behaupten, für sie stehe das Wohl von Spandau im Vordergrund. Doch was hier an Verunsicherung und Kritik in die Öffentlichkeit getragen wird, ist schädlich für den Weihnachtsmarkt", schimpft der Kommunalpolitiker. Während Klaus-Jürgen Rödiger und Lothar Thöns jede Stellungnahme ablehnen, äußert Uwe Rösler Unverständnis darüber, dass man im Rathaus von der getroffenen Regelung abweicht, nur weil ein Partner nicht mitspielen will. Für Hanke steht dagegen fest, dass die Vereinbarung nichtig ist, wenn sie nicht von allen getragen wird. Vom Wirtschaftshof erwartet der Stadtrat jetzt noch vor dem Fest ein eigenes Konzept, um den Schwarzen Peter im Januar flugs zur Entscheidung an die Bezirksverordneten weiterzugeben. An eine gemeinsame Lösung glaubt niemand mehr. "Zwischenmenschlich funktioniert es nicht, einige Leute können nicht miteinander", lautet das Fazit des Stadtrates. Dabei präsentiert sich der Weihnachtsmarkt in diesem Jahr reformbedürftiger denn je. Die Zahl der Stände ist um knapp 100 auf 447 geschrumpft, die festliche Ausgestaltung lässt vielerorts zu wünschen übrig. "Die Qualität hat nachgelassen, und die Konkurrenz wird immer besser", charakterisiert Uwe Rösler die Situation. Die beim Wirtschaftshof-Fest als Alternative zu den Marktständen präsentierten, weißen Gartenparty-Zelte können allerdings kaum der Weisheit letzter Schluss gewesen sein. Noch klingeln in der Altstadt die Glöckchen wie seit 26 Jahren, doch Ideen sind dringend gefragt, soll der Budenzauber auch im neuen Jahrtausend Bestand haben.

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