Berlin : Schon verloren, bevor das Leben richtig anfängt

Verband der Jugendrichter diskutierte im Roten Rathaus über Kriminalitätsursachen. Türkischer Bund: Jugendgewalt ist ein soziales, kein ethnisches Problem

Thomas Loy

Im Türkischen Bund Berlin-Brandenburg hätten sie kurz diskutiert, ob sie aussprechen sollen, dass türkische Jugendliche immer öfter straffällig und gewalttätig werden oder ob sie das besser verschweigen sollten. Ismail Ünsal war für die offenen Worte – „auch wenn es uns sehr schwer fällt“. Es sollten an diesem Mittwochabend noch einige Wahrheiten ausgesprochen werden, von denen man bisher lieber geschwiegen hat.

Die Deutsche Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen – DVJJ – hatte in den Friedensburg-Saal im Roten Rathaus zur Diskussion über die Jugendgewalt geladen. Titel: „Grenzen setzen – abgrenzen – ausgrenzen“. Anlass war die vom Tagesspiegel angestoßene Berichterstattung über Jugendliche aus Migrantenfamilien, die Gesetze und Umgangsformen nicht mehr anerkennen.

Viele Jugendrichter haben das Gefühl, die Integrationsbemühungen von Kitas, Schulen und Initiativen liefen ins Leere, weil sie von den meisten türkischen und arabischen Eltern nicht angenommen werden. Kommen ihre straffälligen Kinder dann vor Gericht, nähmen die Eltern oft eine Abwehrhaltung ein, um Sanktionen zu verhindern. Die Parallelgesellschaft sei schon längst Realität, wurde gewarnt. Einer der rund 100 Teilnehmer, darunter Anwälte, Quartiersmanager oder Präventionsbeauftragte der Polizei, zog in der intensiven Diskussion gar Samuel P. Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ als Erklärungsmodell für die zunehmende Delinquenz von jugendlichen Migranten heran. Da reagierte Ismail Ünsal vom Türkischen Bund doch etwas empört. Straffälligkeit gehöre nicht zur türkischen Kultur. Die zunehmende Gewalt sei vielmehr ein soziales Problem. Einige Viertel in Kreuzberg und Neukölln entwickelten sich zu Ghettos der „untersten Unterschichten“, aus denen auch die türkische Mittelschicht längst geflohen sei. Die Schulen hätten versagt. Gäbe es nämlich bessere Schulen, würden bildungsorientierte Familien – türkische ebenso wie deutsche – nicht aus den Problemkiezen wegziehen und könnten dort als positive Vorbilder fungieren.

Stefan Voss, Leiter der „Landeskommission gegen Gewalt“, stärkte Ünsal den Rücken. Die jugendlichen Straftäter hätten mehrheitlich keinen Schulabschluss oder lediglich die Hauptschule absolviert, die Wenigsten hätten einen Ausbildungsplatz oder einen Job. Ihre Schulkarrieren ließen sich als Kette von Misserfolgen beschreiben. Die Delinquenz sei ein soziales Problem, das allenfalls „kulturell überformt“ werde. Damit meint Voss „gewalt-legitimierende Männlichkeitsrituale“, die Missachtung von Frauen und das Erleben von häuslicher Gewalt. Man dürfe das Gewaltphänomen auf keinen Fall „ethnisieren“.

Voss verlangte mehr Geld für die Präventionsarbeit innerhalb der arabischen und türkischen Gemeinden. Auch die Schulen müssten „mehr sozialpädagogische Kompetenzen“ erwerben. Schwierige Schüler einfach von Schule zu Schule weiterzureichen, dürfe nicht mehr vorkommen.

Jugendrichterin Kirsten Heisig schüttelte nur den Kopf: „Sie leben nicht in der Realität.“ Einige Justizangehörige hätten den Glauben an Prävention und Integration schon aufgegeben. Helmut Frenzel, Vollstreckungsleiter am Amtsgericht Tiergarten: „Das Problem ist fast nicht mehr zu lösen. Ich bin da pessimistisch. Selbst wenn arabische Jugendliche, die eine Jugendstrafe verbüßen, unsere Angebote annehmen – sie haben null Chance auf einen Arbeitsplatz. Was machen wir mit denen?“

Ismail Ünsal schockierte die Runde zwischendurch mit der These, ein 18-jähriger Türke, der frisch aus der Türkei nach Deutschland komme, habe bessere Integrationschancen als ein gleichaltriger Deutsch-Türke, der in Berlin geboren und aufgewachsen ist. Der Türke habe seine Muttersprache richtig gelernt und sei „schon fertig in seiner Werteerziehung“. Sein deutsch-türkischer Altersgenosse spreche dagegen weder richtig Türkisch noch Deutsch und lebe in der Spannung zwischen dem traditionellen Leben seiner Eltern und dem der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Deshalb empfehle der Verband den türkischen Eltern, mit ihren Kindern zu Hause Türkisch zu sprechen, damit sie wenigstens eine Sprache erst mal richtig beherrschen. Das Konzept, bilingual zu erziehen, sei nur etwas für die bildungsorientierten Türken aus der Mittelschicht.

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