Berlin : Schon Vierzehnjährige rauchen vor Schulbeginn einen Joint

ANNETTE KÖGEL

BERLIN .Schon Vierzehnjährige rauchen vor der Schule schnell noch einen Joint und brüsten sich damit vor Klassenkameraden: Bei Jugendlichen sinkt die Hemmschwelle, Cannabis zu konsumieren.Die bundesweit einmalige Beratungsstelle für Konsumenten von Partydrogen und Cannabis in Berlin bestätigt diesen Trend.Bis Mitte September dieses Jahres suchten schon genauso viele Eltern und Jugendliche um Rat wie im gesamten Jahr 1997.Unterdessen beraten Experten auch aus Berlin ab heute bei einer Fachkonferenz europäischer Metropolen in Paris neue Wege der Prävention.

Gruppendynamik, Langeweile, Neugier - das sind nach Auskunft von Christine Köhler-Azara, bei der Landesdrogenbeauftragten zuständig für Suchtprävention in Berlin, die Hauptursachen für Jugendliche, Drogen zu probieren.Studien zufolge hat ein Viertel aller Oberschüler in den West-Bezirken schon einmal "gekifft", im Ostteil sind es derzeit noch rund elf Prozent, mit steigender Tendenz.Rauchten frühere Schülergenerationen noch verstohlen heimlich, so wandelt sich Cannabis "auch durch die entschärfte Rechtslage zu einer normalen, gesellschaftlich anerkannten Droge.Das schlägt sich auch im Konsumverhalten nieder", sagt Peter Tossmann, bei der Senatsjugendverwaltung Koordinator der Berliner Drogenhilfe.

Während Mitarbeiter der Streetworker-Organisation "Gangway" zunehmenden Mischkonsum bei Jugendlichen beklagen, wenden sich immer mehr Eltern, Lehrer und Jugendliche an den spezialisierten "Therapieladen" (Telefon 217 51 741) an der Potsdamer Straße 131 in Tiergarten."Es sind zwei Drittel Cannabis- und ein Drittel Ecstasy-Konsumenten, die Hilfe suchen", sagt Leiter Andreas Gantner.Die Broschüre mit einem Selbsttest fand "reißenden Absatz".Präventionsexpertin Christine Köhler-Azara kann zwar besorgte Eltern beruhigen: "Haschisch als Einstiegsdroge - das ist ein Märchen." Jedoch bestehen bei regelmäßigem Konsum schon in der Jugend erhebliche Gefahren für die Persönlichkeitsentwicklung, warnt Drogen-Forscher Peter Tossmann.Konflikte können weniger bewältigt werden, die Leistungsbereitschaft sinkt, die psychosoziale Entwicklung wird gestört.

Doch allzuviele Lehrer guckten weg und sympathisierten womöglich mit den Konsumenten; allzuviele Schulleiter fürchteten bei öffentlicher Aussprache um den Ruf der Schule, weiß eine Drogen-Vertrauenslehrerin aus Schöneberg.Nur nach Klassenfahrten, während der süßliche Rauchschwaden durch die Luft ziehen, werde kurzzeitig über Gefahren diskutiert.Manche Eltern scheuen nach Erfahrung der Beratungsstelle das Gespräch mit Sohn oder Tochter - oder sind selbst Drogenkonsumenten.

"Es besteht eine große Unsicherheit bei den Lehrern über die Rechtslage", berichtet die Drogenhilfe-Lehrerin weiter.Viele Schüler gingen davon aus, "kiffen" sei inzwischen legal, und haben daher "kein Unrechtsbewußtsein".Berater Andreas Gantner: "Durch die legale Nutzung von Hanf werden die Schüler verunsichert, und Pflanz- sowie Rauchzubehör ist überall erhältlich." Dennoch unterstützt auch er den liberaleren Umgang mit der "Beruhigungsdroge".

Denn Cannabis ist zwar beliebter als Ecstasy - doch die legalen Rauschmittel wie Zigaretten und Alkohol seien immer noch die Jugenddroge Nummer eins.Drogen-Forscher Tossmann: "Im Vergleich mit Cannabis hat Alkohol eine weit schlimmere, irreversible toxische Wirkung."

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