Berlin : Schonende Schnitte

Amputationen werden bei Brustkrebs immer seltener. In 70 Prozent der Fälle kann der Busen erhalten werden. Und auch die plastische Wiederherstellung der weiblichen Formen gelingt immer besser

Adelheid Müller-Lissner

Fotos der Brüste schöner Frauen sind eine beliebte Zierde von Boulevardblättern und Zeitschriften. Wenn Models und Popstars an Brustkrebs erkranken und das öffentlich machen, wie jetzt die australische Sängerin Kylie Minogue (36), kommt gleich nach dem Ausdruck des Mitgefühls in den Medien deshalb die bange Frage: Wird sie verstümmelt werden? Denn bei der Behandlung von Brustkrebs führt meist kein Weg an der Operation vorbei: Der bösartige Knoten muss entfernt werden, und auch die Lymphknoten in der Achselhöhle, über die er streuen kann, stellen eine Bedrohung dar.

Wie kommt es dann aber, dass immer mehr Frauen, unter ihnen auch die Sängerin Anastacia (30), sich einige Zeit nach der Behandlung nicht nur gesund und munter, sondern auch ganz unbefangen in Bikinioberteil und tief dekolletiertem Kleid zeigen?

Brustkrebs ist nach wie vor eine lebensbedrohliche Krankheit, aber sie ist längst nicht immer mit dem Verlust der gesamten erkrankten Brust verbunden. „Optimale krebsmedizinische Sicherheit bei optimaler Kosmetik“, so beschreibt Harald Dieterich das Ziel. Der Gynäkologe ist Ärztlicher Direktor des Brustzentrums im badischen Rheinfelden und Erster Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für wiederherstellende Operationsverfahren.

In etwa 70 Prozent der Fälle kann heute brusterhaltend operiert werden. Dann reicht es, den bösartigen Knoten und einen Sicherheitsrand aus umgebendem Gewebe zu entfernen. Das geht heute in manchen Fällen auch, wenn sich mehrere Knoten in einer Brust finden. In wissenschaftlichen Studien hat sich gezeigt, dass die Radikalität der operativen Maßnahmen keinen Einfluss auf die langfristige Prognose der Krankheit hat.

In manchen Fällen wird heute auch versucht, dem Knoten in der Brust schon vor der Operation mit zellgiftigen Medikamenten zu Leibe zu rücken. Wird er kleiner, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Frau bei der anschließenden Operation nicht die ganze Brust verlieren muss. Wie diese „neoadjuvante“ Chemotherapie wirkt, das gibt dem Arzt aber auch wichtige Aufschlüsse über die Beschaffenheit des Tumors, die die Behandlung danach beeinflussen.

Für eine brusterhaltende Operation ist nicht die Größe des Knotens allein entscheidend. Wichtig ist auch, dass der Tumor nicht in die Haut- und Muskelschicht der Brust eingewachsen ist. Natürlich spielt außerdem das Größenverhältnis zwischen Brust und Tumor eine wichtige Rolle. Kleine Brüste können deshalb seltener erhalten werden.

Eine feingewebliche Untersuchung des entfernten Gewebes durch den Pathologen gibt dem Operateur die Sicherheit, dass das bösartige Gewebe vollständig entfernt wurde. An eine solche brusterhaltende Therapie muss allerdings so gut wie immer eine Bestrahlung angeschlossen werden, die eventuell verbliebene Zellen in Schach hält. Bisher ist dabei die ganze erkrankte Brust das Ziel. In Studien wird aber derzeit untersucht, ob bei kleinen Knoten auch eine gezielte Teilbestrahlung reichen könnte.

Wenn das alles überstanden ist, dann wünschen viele Frauen sich nichts sehnlicher, als auch optisch möglich schnell wieder „ganz normal“ auszusehen. Maßgeschneiderte Therapien retten heute nicht nur das Leben von Brustkrebs-Patientinnen, sie retten auch immer öfter ihre Brust.

Oder sie sorgen zumindest für kosmetisch akzeptablen „Ersatz“. In manchen Fällen ist es dabei sinnvoll, nach der Entfernung des Knotens den Größenunterschied zwischen beiden Brüsten mit einer Verkleinerung der gesunden Seite zu beheben.

Vor allem wenn die Brust doch ganz entfernt werden musste, greifen viele heute auf einen Brustaufbau mit körpereigenem Gewebe zurück. Dafür wird Gewebe vom Rücken verschoben („Latisimus-dorsi-Plastik“) oder Fettgewebe von Bauch oder Gesäß in die Brustregion verpflanzt. Für das Gewebe aus dem Bauchraum gibt es schon seit einiger Zeit Techniken, bei denen die Versorgung durch die Blutgefäße nicht unterbrochen wird (versetzt werden dabei „gestielte Lappen“). Zurzeit wird jedoch vermehrt versucht, das Gewebe frei zu verpflanzen. Auch die Brustwarze kann neu geformt oder durch eine Tätowierung gut nachgeahmt werden. „Beim internationalen Kongress zur Brustrekonstruktion im amerikanischen Atlanta wurde kürzlich gezeigt, dass alle diese Verfahren mit Eigengewebe ihre Vor- und Nachteile haben und dass man zusammen mit der Patientin einen individuellen Weg suchen sollte“, erläutert Harald Dieterich.

Fremdmaterialien wie das viel diskutierte Silikon, dessen sich bekanntlich auch gesunde Stars gern zur Vergrößerung ihrer Oberweite bedienen, bleiben weiterhin eine wichtige Alternative zu den aufwändigen Eingriffen. „Inzwischen ist wissenschaftlich widerlegt, dass Silikonimplantate gesundheitsschädlich sind“, sagt Dieterich. Solche Brustimplantate, die heute etwa 15 Jahre halten, können gleich nach der Operation oder später unter die Haut eingelegt werden.

Ganz bewusst entscheiden sich aber auch einige Frauen gegen alle diese Methoden, sich eine „neue“ Brust aufbauen zu lassen. „Ich möchte die Spuren der Krankheit nicht aus meinem Leben tilgen, und ich finde, ich kann sie meiner Umgebung zumuten“, sagte eine Betroffene kürzlich bei der Veranstaltung einer Selbsthilfegruppe. „In einem solchen Fall gibt es Möglichkeiten, die Brust so abzunehmen, dass trotzdem die Fraulichkeit nicht nachhaltig negativ beeinträchtigt wird“, sagt Gynäkologe Dieterich. Das hänge allerdings ganz entscheidend vom Können des Operateurs ab.

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