Berlin : Schrittmacher von Welt

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Von Vivian Leue

Der Geist von Petróleo, der legendären Tango-Größe der 40er Jahre, ist in allen Ecken zu spüren. Das Ambiente bei der Eröffnung des fünftägigen Festivals erinnert an die goldenen Zeiten von Buenos Aires, in denen sich der Tango zur Leidenschaft entwickelte. Ein Hauch von damals weht durch den Saal, als das erste Paar aufsteht, eng verschlungen auf die Takte wartet und loslegt. Voll Elan und doch eleganter Zurückhaltung bewegen sie sich durch den Raum. Verspielt schlängeln sich die Beine des Paares ineinander, um dann im nächsten Moment wieder steif voreinander zu stehen. Es verliert sich im Tanz und scheint ganz den Anweisungen des Petróleo zu folgen: „Lasse Dich nicht binden an eine feste Choreographie. Schreite die Piste ab!" Ja, es schreitet die Piste ab. Nur ist dieses Paar gar nicht aus Buenos Aires, sondern aus Berlin-Mitte, und die Stadt, in der der Tango geboren wurde, haben sie noch nie gesehen.

Gertrud und Jürgen Hanke hat die Leidenschaft des Tangos schon Anfang der 90er Jahre gepackt. Die Eleganz und Verspieltheit des Tanzes haben sie von Anfang an fasziniert. Und es ist wie eine Liebeserklärung aneinander, wenn das Paar sich synchron durch den Raum bewegt. Eine Interaktion, in der er den Ton angibt und sie entscheidet, wie sie folgt. Zum Auftakt des Internationalen Tango-Festivals im Roten Rathaus am Donnerstag sind überwiegend Nicht-Argentinier gekommen, man könnte auch sagen, Berliner. Doch beim Tanzen spielt das sowieso keine Rolle. Denn sie alle vereint eines: die große Leidenschaft des Tango.

Berlin hat sich seit einigen Jahren zur Tango-Hauptstadt entwickelt. Jeden Abend kann man in verschiedenen Etablissements das Tanzbein im 2/4-Takt schwingen. Dennoch ist das Festival etwas ganz Besonderes. Wann sonst bekommt man die Möglichkeit, die Größen der argentinischen Tango-Szene live zu erleben - und sogar eine Unterrichtsstunde bei ihnen zu absolvieren. Doch nicht nur das begeistert die Szene, auch in musikalischer Hinsicht kann das Festival mit vielen Highlights aufwarten. Zum Auftakt im Roten Rathaus verwöhnte das Sexteto Andorinha, Musiker aus Dresden und Buenos Aires, die Anwesenden mit stilechtem „Tango-Salon". Sonntagabend soll das Festival dann seinen musikalischen Höhepunkt erreichen: Der Bandoneon-Virtuose Jorge Lema ist mit seinem Orchester im Staatsratsgebäude am Schlossplatz zu Gast. Abgerundet werden die Abende mit Live-Auftritten der Star- Paare des argentinischen Tangos. Sabrina Masso und Ezequiel Paludi, Corina de La Rosa und Julio Balmaceda, Alejandra Mantinan und Gustavo Russo sowie Geraldine Rojas und Javier Rodríguez – alle sind sie gekommen, um der deutschen Tango-Gemeinde die Ehre zu erweisen. Und wenn man sie sieht, dann weiß man, warum sie so gefeiert werden: Die Luft im Saal scheint zu knistern als Alejandra und Gustavo durch den Saal gleiten. Sie haben den Tango im Blut, scheinen keiner eingefahrenen Choreografie zu folgen, sondern lediglich ihrem Gefühl. Ihr Tanz ist wie eine schreiend laute Aussage – nur kommt sie nicht aus dem Mund, sondern aus den Beinen. Sie erzählen von Liebe, Leidenschaft, Leid und Streitigkeiten und finden am Ende doch immer wieder zueinander. Ob „Sobrepaso“, „Giros“, „Arrastras“, „Voleos“ oder „Ganchos“, die Paare schweben durch den Saal, versunken in einer anderen Welt.

Doch Gertrud und Jürgen Hanke lassen sich nicht einschüchtern und auch die anderen Paare nutzen diese seltene Gelegenheit, denselben Saal wie die Stars zu durchschreiten. Bald bleibt kein Stuhl mehr besetzt im Ballsaal des Roten Rathauses. Alt und Jung, Deutsche und Argentinier, alle sind sie vereint in dieser Liebeserklärung an den Tango. Als hätten sie gemeinsam bei Petróleo gelernt: „Tanze so wie Du Dich fühlst, wie die Musik es vorgibt, folge ihr mit dem inneren Feuer.“ Heute, sowie Sonntag und Montag gibt es noch einzelne Plätze bei den Tango-Workshops. Karten an der Abendkasse, Reservierungen unter Tel. 440 174 06.

Informationen im Internet:

www.tangofestivalberlin.de

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