Berlin : Schröders Ex-Gans geht es gut

Doretta ist inzwischen in der Altenpflege tätig

Paul Dalg

Würdevoll und stolz schreitet Herr Schröder durch sein Territorium – es ist klar, er ist der Chef im Haus. Selbstbewusst, angriffslustig, ungewöhnlich groß für seine Art. Sein Reich teilt er sich mit einigen anderen Genossen: Esel, Schafe, Ziegen und ein Schwein. Früher hieß Herr Schröder noch Doretta, doch der Name gefiel ihm nicht – schließlich ist er ein waschechter Ganter und keine blöde Gans. Und nicht irgendein gewöhnlicher Ganter: Er ist, oder besser war, Doretta, die Kanzlergans, die dank der Güte Gerhard Schröders vor fünf Jahren vor dem sicheren Tod als Weihnachtsschmaus verschont wurde.

Nachdem Schröder den Ganter während einer Besuchsfahrt in Brandenburg auf einem Bauernhof geschenkt bekam, ließ er sich von seiner Tochter Klara erweichen, dem Kanzler-Ganter das Leben zu schenken. Zwar blieb ungeklärt, was Familie Schröder statt des geplanten Gänsebratens zu Weihnachten verspeiste, Dorettas Leben war jedoch vorerst gerettet, unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit. Doch inzwischen ist es still geworden um das Federvieh.

Nun dürfen Gänse bekanntlich nicht am politischen Geschehen in Deutschland mitwirken, und als Schröder von der großen Koalition abgelöst wurde, war es auch mit dem schönen Gänseleben vorbei. Weder Angela Merkel noch das Unternehmen Gasprom erklärten sich bereit, weiterhin für das Futter der tierhistorisch wichtigen Persönlichkeit zu sorgen. Die Folge: Nachdem sich die Vogelgrippe-Hysterie wieder einigermaßen gelegt hatte, zog Doretta aus dem brandenburgischen Lenzen ins nahe Berlin, neuer Job, neue Bleibe, neuer Name.

Jetzt arbeitet der Ganter im Pflegeheim „Haus Schönow“ als Streicheltier für alte Menschen. Für das Futter sorgt der Verein „Leben mit Tieren“, über den wir bereits im Zuge der Tagesspiegel-Serie „Menschen helfen“ berichteten. „Es geht ihm sehr gut“, sagt Wolfgang Scharmann, Vorstandsvorsitzender des Vereins und ehemaliger Tierarzt. „Normalerweise werden Gänse, sofern man sie lässt, rund 18 Jahre alt. Die Durchschnittsgans überlebt aber einfach kein Weihnachten.“ Herr Schröder ist jetzt sechs Jahre alt, „wahrscheinlich inzwischen auch ungenießbar“, fügt Scharmann hinzu. Das Tier ist seinem Namensvetter nicht unähnlich: „Er lässt sich nicht von jedem streicheln, vor allem wenn er die Menschen noch nicht kennt, kann er auch bissig werden“, verrät Scharmann. Der Verein „Leben mit Tieren“ unterhält mehrere Streichelzoos mit Kleintieren aller Art. Hauptsächlich organisiert er aber Besuchsdienste mit Hunden für ältere Menschen in Heimen oder Pflegediensten. Ein glückliches Weihnachten ist für Herrn Schröder auf jeden Fall gesichert – denn das Geschenk kam im Voraus: Seit kurzer Zeit hat er eine Spielgefährtin bekommen, mit der er gemeinsam schnattern kann. Wie sie heißt? Angela, natürlich.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar