Berlin : Schrott ahoi

In Grünau liefern sich Recycling-Boote ein ziemlich trashiges Wettrennen.

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Hauptsache, es schwimmt. Wilde Vehikel aus wiederverwertetem Material liefern sich eine Wettfahrt auf der Dahme in Grünau. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Hauptsache, es schwimmt. Wilde Vehikel aus wiederverwertetem Material liefern sich eine Wettfahrt auf der Dahme in Grünau. Foto:...

Ein Fahrrad vom Sperrmüll rostet auf der Wiese, daneben liegen ein kitschiges Gemälde mit Alpenkulisse und ein Dutzend leerer Ketchup-Eimer aus der Kantine – daraus soll heute noch ein Boot gebaut werden. Die zwei Mädchen und zwei Jungs vom Team „Schrott Ahoi“ sitzen Reis löffelnd in der Sonne und fachsimpeln über Auftrieb und Schönheit ihrer Ketchup-Eimer. Im Hof um sie herum wird gehämmert, gesägt und geleimt. Die Kulisse: roter Backstein, etwas Graffiti – das Kulturzentrum „Funkhaus Grünau“.

Dinge, die andere weggeworfen haben, verarbeiten die jungen Leute im Baucamp des Funkhauses zu schwimmenden Recycling-Kunstwerken. Morgen liefern sich 16 Gruppen mit ihren Müllbooten auf der Dahme bei einer „Schrottregatta“ ein Wettrennen. Dass es eine solche Veranstaltung in dem zuvor jahrelang leer stehenden Haus einmal geben würde, hätte vorletzten Winter noch niemand zu träumen gewagt. Ursprünglich 1930 als Bootshaus erbaut, beherbergte es zu DDR-Zeiten zwei geheime Propaganda-Radiosender. Der Name „Funkhaus“ erinnert daran. Bis Anfang der 90er probte im Obergeschoss noch das DDR-Fernsehballett. Dann kam der Verfall. Der letzte Besitzer, das Neuköllner Bildungswerk, meldete 2007 Insolvenz an, das Funkhaus wurde 2008 zwangsversteigert.

Als das Funkhaus für 655 000 Euro an eine Hamburger Vermögensverwaltungsgesellschaft ging, sah es in seinen Mauern traurig aus: „Innen war alles feucht, der Putz rieselte“, schildert Sandra Strauch vom Funkhaus-Team ihre Eindrücke. Sie hatte damals von der Versteigerung gehört und stattete dem Haus einen Besuch ab. Zusammen mit ein paar anderen Leuten machten sie den Besitzer ausfindig und vereinbarten einen Zwischennutzungsvertrag – der Verein kunterfunk.e.V. war geboren. „In den ersten Monaten haben wir uns fast selbst umgebracht vor Arbeit“, erzählt Sandra. Fünf Tonnen Schutt und kiloweise Papier räumten sie heraus, erneuerten kaputte Fenster, installierten Strom- und Wasserversorgung. Aus dem verfallenen Geisterhaus ist so seit Frühling letzten Jahres ein überraschender Kulturort geworden.

Ein Dutzend Werkstätten gibt es jetzt hier, einen Umsonstladen, eine Siebdruck-Station, Recycling- und Radioworkshops verschiedener Vereine, sogar ein Floßkino. Und jetzt eben die Schrottregatta. Draußen in der Sonne zurren die drei Teilnehmerinnen des Teams „Mogduck“ gerade ein ausgedientes Ikea-Regal mit viel Klebeband an einem alten Lattenrost fest. „Ein Boot muss mindestens zu 80 Prozent aus Müll bestehen“, erklärt Sandra, die im Orga-Team ist. Sie freut sich auf morgen: „Die Leute haben die verrücktesten Ideen.“ Im vorigen Jahr wurde ein Boot von einem als Hai verkleideten Schwimmer gezogen, bei einem anderen diente eine Bratpfanne als Paddel. Und die Mannschaft des „Goldmann Sachs“-Bootes versuchte, die Jury mit Papiergeld zu kaufen. Doch Bestechung war nutzlos, es zählen die fünf Kriterien Schnelligkeit, Style, Antrieb, Teamspirit, und, ganz wichtig, der „Upcycling“-Faktor.

Welches Team auch gewinnen wird - die Teilnehmer haben ihren Spaß. Sie nutzen die warme Zeit, denn im Winter ist es hier ziemlich verlassen. Und der Ausblick auf den nächsten Sommer ist getrübt: Der Vertrag für das Haus wird immer nur um drei Monate verlängert. Morgen beim schrottigen Rennen werden solche Sorgen aber erst einmal vergessen sein. Dann geht es um den schönsten Pokal: Einen riesigen aus Metallresten geschweißten Sektbrunnen, für die Sonderkategorie „Champ of Trash“.Luisa Hommerich

Schrott-Regatta am Sonnabend, Grünau, Regattastraße 277, Bootsbesichtigung ab 14 Uhr, Start um 16 Uhr.

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