Schrottregatta des Funkhaus Grünau : Müllboote erobern die Dahme

Am Samstag liefern sich die Teilnehmer der "Schrottregatta" des Funkhaus Grünau mit selbst gebastelten Booten aus Müll ein Wettrennen auf der Dahme. Der Veranstaltungsort stand einst leer und verrottete, dank der Arbeit eines Vereins blüht im Funkhaus nun die Alternativkultur.

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Floß
Das Floß des Vereins "Die Bootschaft" liegt vor Anker am Ufer der Dahme, direkt gegenüber vom Funkhaus Grünau.

Ein Fahrrad vom Sperrmüll rostet auf der Wiese, daneben liegen ein kitschiges Gemälde mit Alpenkulisse und ein Dutzend leerer Ketchup-Eimer aus der Kantine – daraus soll heute noch ein Boot gebaut werden. Die zwei Mädchen und zwei Jungs vom Team „Schrott Ahoi“ sitzen Reis löffelnd in der Sonne und fachsimpeln über Auftrieb und Schönheit ihrer Ketchup-Eimer. Im Hof um sie herum wird gehämmert, gesägt und geleimt. Die Kulisse: roter Backstein, etwas Graffiti - das Kulturzentrum „Funkhaus Grünau“.
Dinge, die andere weggeworfen haben, verarbeiten die jungen Leute im Baucamp des Funkhauses zu schwimmenden Recycling-Kunstwerken. Morgen liefern sich 16 Gruppen mit ihren Müllbooten auf der Dahme bei einer „Schrottregatta“ ein Wettrennen.

Dass es eine solche Veranstaltung in dem zuvor jahrelang leer stehenden Haus einmal geben würde, hätte sich vorletzten Winter noch niemand zu träumen gewagt. Ursprünglich 1930 als Bootshaus erbaut, beherbergte es zu DDR-Zeiten zwei geheime Propaganda-Radiosender. Der Name „Funkhaus“ erinnert daran. Bis Anfang der 90er probte im Obergeschoss noch das DDR-Fernsehballett. Dann kam der Verfall. Der letzte Besitzer, das Neuköllner Bildungswerk, meldete 2007 Insolvenz an, das Funkhaus wurde 2008 zwangsversteigert.

Im Funkhaus Grünau ist eine neue Kulturoase entstanden
Das Funkhaus Grünau von außenWeitere Bilder anzeigen
1 von 20Foto: tsp/Kitty Kleist-Heinrich
29.08.2013 15:28Roter Backstein, etwas Graffitti: Das Funkhaus Grünau. 1930 wurde es als Bootshaus gebaut, bis in die Siebziger Jahre wurde es als...

Als das Funkhaus für 655 000 Euro an eine Hamburger Vermögensverwaltungsgesellschaft ging, sah es in seinen Mauern traurig aus: „Innen war alles feucht, der Putz rieselte herab“, schildert Sandra Strauch vom Funkhaus-Team ihre Eindrücke. Sie hatte damals von der Versteigerung gehört und stattete dem Haus einen Besuch ab. Zusammen mit ein paar anderen Leuten machten sie den Besitzer ausfindig und vereinbarten einen Zwischennutzungsvertrag – der Verein kunterfunk.e.V. war geboren. „In den ersten Monaten haben wir uns fast selbst umgebracht vor Arbeit“, erzählt Sandra. Fünf Tonnen Schutt und kiloweise Papier räumten sie gemeinsam heraus, erneuerten kaputte Fenster, installierten Strom- und Wasserversorgung. Aus dem verfallenen Geisterhaus ist so seit Frühling letzten Jahres ein überraschender Kulturort geworden.

Schrottbootbau
Morgen findet im Funkhaus Grünau eine Schrottregatta statt: 16 Teams haben dafür eine Woche lang Boote aus Müll gebaut. Morgen...Foto: tsp/Kitty Kleist-Heinrich

Ein Dutzend Werkstätten gibt es jetzt hier, einen Umsonstladen, eine Siebdruck-Station, Recycling- und Radioworkshops verschiedener Vereine, sogar ein Floßkino. Und jetzt eben die Schrottregatta. Draußen in der Sonne zurren die drei Teilnehmerinnen des Teams „Mogduck“ gerade ein ausgedientes Ikea-Regal mit viel Klebeband an einem alten Lattenrost fest. „Ein Boot muss mindestens zu 80 Prozent aus Müll bestehen“, erklärt Sandra, die im Orga-Team ist. Sie freut sich auf morgen: „Die Leute haben die verrücktesten Ideen.“ Im vorigen Jahr wurde ein Boot wurde von einem als Hai verkleideten Schwimmer gezogen, bei einem anderes diente eine Bratpfanne als Paddel. Und die Mannschaft des „Goldmann Sachs“-Bootes versuchte, die Jury mit Papiergeld zu kaufen. Doch Bestechung war nutzlos, es zählen die fünf Kriterien Schnelligkeit, Style, Antrieb, Teamspirit, und, ganz wichtig, der „Upcycling“-Faktor.

Welches Team auch gewinnen wird - die Teilnehmer haben ihren Spaß. Sie nutzen die warme Zeit, denn im Winter ist es hier ziemlich verlassen. Und der Ausblick auf den nächsten Sommer ist getrübt: Der Vertrag für das Haus wird immer nur um drei Monate verlängert. Morgen beim schrottigen Rennen werden solche Sorgen aber erst einmal vergessen sein. Dann gilt es vor allem, den schönsten Pokal zu gewinnen: Einen riesigen aus Metallresten geschweißten Sektbrunnen, für die Sonderkategorie „Champ of Trash“.

Schrott-Regatta am Sonnabend, Grünau, Regattastraße 277, Bootsbesichtigung ab 14 Uhr, Start um 16 Uhr.

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